Außenrum mit Spitze

Ich hatte mich geärgert, weil der Bote das Päckchen nicht wie vereinbart abgestellt hat. So musste ich bei eisigem Wind zur Post. Im Nachinein habe ich mich im Stillen bei ihm bedankt, denn hätte er das Päckchen hinterlassen, wäre ich gar nicht unterwegs gewesen. Dann hätte ich einiges versäumt, was mich erst im Vorgarten, dann am Wegrand anblitzte.

wp-1577962386574.jpgAls ich klein war, zeigten mir meine Schwestern dass die dicken weißen Schneebeeren einen Knall verursachen, wenn man auf eine heruntergefallene tritt. Wenn keiner guckt, mache ich es heute noch. Nicht nur, weil die Spatzen sich dann so erfreut auf die aus der Kugel befreiten Samen stürzen. Der Knall  ist eine kleine Feier des Lebens, wie das Feuerwerk an Silvester, nur verträglicher und irgendwie sogar größer, weil er von Sonne und Wachsen und Reife erzählt und von dem beruhigenden Kreislauf der Jahreszeiten.

Die kleinen rosa Beeren dagegen haben etwas im Winterdunkel beinahe unverschämt Optimistisches, das mich fröhlich macht. Es gibt Tage, auch graue, da haben alle Dinge und Ereignisse einen hellen Rand, ein eigenes, feines Leuchten. Ganz selten, so wie heute, kann man das fotografieren. Ansonsten bleiben dafür, wenn man nicht malen kann,  nur Worte.

Eismorgen

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Es ist immer wieder aufregend, ein neues Buch zu beginnen. Die Fäden meiner Geschichte sind noch nicht ganz greifbar. Bei sonnigen vier Grad minus hängen sie immer deutlicher in der Morgendämmerung wie Spinnweben und ich versuche, sie zusammenzuklauben. Dabei hüpfe ich im Schlafanzug im Garten herum um Reifkristalle zu fotografieren. Ich sehe sie oben auf dem Gartentor im ersten Licht glänzen und beschließe, dass ein gelegentlicher Anflug von Frost auf der Seele mich in diesem Jahr niemals davon abhalten wird, ein Tor zu öffnen und einen neuen Weg zu gehen, egal wie weit ich komme.

 

 

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Neujahr

Im Frühherbst habe ich zum ersten Mal Stiefmütterchen gesät. Es hat zu meiner Überraschung nur ein paar Wochen gedauert, bis sie blühten. wp-1577883715319.jpgDie kurzen Tage genügten ihnen, um mir seitdem jeden Tag Blüten in den kahlen Garten zu streuen.

Heute, am ersten Tag des Jahres, sind sie wie die meisten von uns ein wenig zerzaust vom vorangegangenen Jahr und dem Winter. Der will zwar nicht so recht einer werden, doch die Nächte sind lang und die Bäume nackt und wir ein wenig müde. Aber die Stiefmütterchenblüten stehen mitsamt den Spuren von Schneckenfraß und Sturmböen aufrecht und hartnäckig im Januarwind, bereit für blauen Himmel. Sie machen mir Mut. Ich bin auch bereit. Und endlich zu alt, um mich des Zerzaustseins und der Spuren wegen zu genieren. Der Himmel ist in Ordnung so, mit oder ohne Blau. Ein neues Jahr um zu blühen, für uns alle, die noch da sind um es zu sehen. Wir blicken mit Staunen und Neugier darauf, das Stiefmütterchen und ich.