Frech. Mitten. Rein.

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Letztes Jahr war eine meiner größten Freuden im Garten die klitzekleine Wiese, die ich angelegt habe. Vorher ging das aus diversen Gründen nie.  Wiesen sind stets ein Glücksort für mich. Und weil es so unglaublich schön war, dort inmitten von Licht und Wind morgens dem Tanz der Gräser und Bienen zuzusehen, kam sie mir viel, viel zu klein vor, als diese Gräser jetzt im Frühling wieder zu wachsen begonnen.

Da habe ich sie einfach mal verdoppelt! Mitten rein in den Rasen eine Schneise dafür geschlagen. Viele lieben ihren Rasen, das ist völlig in Ordnung. Für mich und die Bienen und die Schmetterlinge ist Rasen jedoch langweilig, einfach nur Platzverschwendung.

Okay, doppelt ist in Lucys kleinem Garten immer noch klein. Es ist eigentlich keine Wiese, nur das, was man einen Blühstreifen nennt. Aber für mich ist es ganz groß. Und die Bienen sind ja ganz klein. Das ist für uns beide fein genug so, wie es ist. Bei Glück kommt es auch nicht auf die Größe an, nur auf die Farben.

Der Boden hier ist zum Glück schlecht – mager klingt besser – das ist genau, was eine Wiese mag. Ein bißchen Kalk habe ich noch verteilt, denn es taucht immer wieder Moos auf, was ich auch mag, aber bedeutet dass der Boden etwas zu sauer ist.

Dann habe ich gesät,  Samen und Vorfreude und Ungeduld und Zukunft, und nun muss ich es alles mehrfach am Tag feucht halten, weil ja kein Regen in Sicht ist, und den Regentanz kann ich noch nicht.

Das wird jetzt unglaublich spannend. Wann was kommt. Wie viel kommt. Was kommt. Was dann blüht. Wer es besucht. Wie es duftet.

Gelohnt hat es sich für mich heute schon, auch wenn es nur aussieht wie ein nackter Streifen Erde mitten im Rasen.

Und Gras ist einfach etwas Wunderschönes, wenn es wachsen darf. Wie die meisten Lebewesen.

Des Frühlings Bügelfalten

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Der Drache Apollo bewacht die Narzissen und die Buchenhecke, an der sich der Frühling entfaltet. In jedem April  ist es ein Fest, wenn die ersten hellgrünen Bläter dem Ruf des Sonnenlichts folgen und sich auffalten wie Fächer. Unfassbar, wie jedes Blatt in seine enge braune Knospe gepackt ist. Und wie sauber sich dann all diese geraden Falten ent-falten und zu einem perfekten Kunstwerk werden, das nicht nur ästhetisch ein Genuss sondern auch gleich noch eine kleine Fabrik ist, weil es mit der Photosynthese beginnt.

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Am liebsten würde ich mich neben Apollo setzen und den ganzen Tag dabei zusehen und in diesem hellgrünen jungen Leuchten baden.

Glück. Immer wieder.

wp-1586758640547.jpgJeder einzelne Tag ist nun eine Wundertüte. Jeden Morgen, wenn ich den Garten betrete, entdecke ich Freunde, die alt und neu zugleich sind. Zarte elfengleiche Wesen wie die Forellenlilie und die Schachbrettblume, die sich aus der noch kühlen Erde erheben, die Blätter vom Vorjahr beiseite schieben und sich in ihrer eigenen Vollendung entfalten.

Jedes Mal stehe ich wieder fassungslos davor, wie es so etwas geben kann, und dass es immer wiederkehrt, zusammen mit dem Licht und der Wärme und dem Neubeginn. Und dass ich dabeisein darf.

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Vergessichnicht

wp-1586968281577.jpgDas wie vom Himmel gefallene Blau der Vergissmeinnicht gehört zu den ersten Wundern, an die ich mich aus meiner Kindheit im Garten erinnern kann. Es zeigte mir, dass der Himmel erreichbar und manchmal ganz erdnahe ist. Obendrein hatte jede winzige Blüte einen freundlichen gelben, beinahe goldenen Kern. Sie waren so winzig, dass man sehr genau hinsehen musste, um ihn zu sehen. So lernte ich, nach dem Kleinen, Inneren zu suchen.

Ein Garten ohne Vergissmeinnicht ist für mich unvorstellbar. Zum Glück säen sie sich selbst aus. Sie sind so bescheiden, dass man sich noch nicht einmal um sie kümmern muss. Sie suchen sich ihren Platz selbst, man muss sie nur gewähren lassen.

Und wenn sie sich öffnen und mich morgens anlächeln, dann weiß ich, es ist Frühling und alles ist Himmelblau und möglich, wenn man das Helle in der Mitte nicht übersieht.

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An-Blick

Es gibt unzählige Iris-Sorten, deren Namen ich mir nie merken kann. Auch von den Zwerg-Iris geistern diverse durch den Garten. Sie blühen häufig schon im Februar, und jedes Mal stehe ich verblüfft davor. Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse passen iwp-1581783442841.jpgn diese Jahreszeit, aber die beinahe unverschämt extravagante, knallbunte Blüte der Iris eben noch nicht. Für einen Moment frage ich mich unwillkürlich: Gehört sich das denn? So vorzupreschen? Die Euphorie des Sommers dermaßen vorwegzunehmen, ehe ähnliche Blumen nach dem Winter überhaupt das erste Mal gegähnt haben? Und ich mit der Gartenarbeit auch nur ernsthaft begonnen habe?

Sie stammt eigentlich aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht liegt es daran. Aber sie akzeptiert unsere Winter einfach. Auch die richtigen, die mit Schnee. Sie nimmt widerspruchslos die Bedingungen an, die sie vorfindet und macht nicht nur das Beste daraus, sondern noch eine ganze Menge mehr. Punkte hier, Striche dort, Knallgelb auf alle Blau- und Violettschattierungen geknallt, das Röckchen elegant gehoben, perfekte Körperspannung. Völlig ohne Wecker, Kaffee und Aufschieberitis steht sie am frostigen Morgen aufrecht im Wind unter Wolken. Restlos bereit für den zerbrechlichen Tanz, der Leben heißt.

Ich sehe sie immer erst, wenn sich die Blüten geöffnet haben, so wenig Aufhebens macht sie um sich. Und wenn sie mich dann so unversehens ansieht, gänzlich ausgeschlafen, und mir diese Farben auffordernd zu Füßen legt, dann ist es wie der erste Augenaufschlag des Frühlings.

Wie soll man da nicht verlieben? Jedes Jahr neu. In diesen Blick. In den Neubeginn. In das Sein.

Gänslich glücklich

0017c.jpgMit Gänseblümchen fängt alles an. Die Kindheit. Der Frühling. Das einfache Glück. Und auch das fortgeschrittene.

Es gibt kaum ein freundlicheres, optimistischeres, bescheideneres Pflänzchen. Es verlangt wp-1581181884015.jpgnur, dass man gelegentlich mäht – oder beweiden lässt – denn im hohen Gras kann es sich nicht behaupten. Es braucht Licht und Luft und Freiheit, wie wir alle. Dafür verzeiht es gern, wenn man mit dem Kaffetablett darüberläuft. Oder darauf Federball spielt.

Das Gänseblümchen ist die perfekte Blüte. Mitte, Blütenblätter, fertig. Kein Gedöns. Kein Schnickschnack. Kein Chic, keine Rüschen, keine Farben, kein Luxus. Es ist einfach es selbst. Die Blume schlechthin. Es genügt, genau so zu sein. Mancher von uns braucht ein Leben lang, um das zu lernen. Mache wagen es nie. Und andere wieder kennen es gar nicht anders.

Das Gänseblümchen ist auch eine Lebensentscheidung. Darf es in meinem Garten wachsen? Rücke ich ihm sofort mit einem Messer oder Chemie zu Leibe? Oder heiße ich es willkommen, betrachte es mit Glück und Kameradschaft und laufe barfuss in seinem Reich? Lege ich mich an einem Sommernachmittag zu ihm, genieße sein Lächeln auf Augehöhe und weiß, dass dies genau das ist, worum es im Leben geht?

Ein Gänseblümchen ist schlichte Wahrheit. Des Pudels, oder vielmehr des Glückes Kern. Jedenfalls das perfekte Bild dafür. Finde ich.

Ich liebe all die vielen verschiedenen Blumen in meinem Garten. Die wilden, die versehentlichen, die zufälligen, die zuviel gepflanzten und die mühsam gezogenen. Aber wenn ich nur ein kleines Stückchen Gras mit Gänseblümchen hätte, dann wäre es auch genug.

 

Spot an

Es überrascht mich jedes Jahr wieder, was mir zeigt, wie schnell man es vergißt. Wenn die Sonne ganz tief steht, und auch davor und danach, wenn sie ganz langsam an wp-1577883665462.jpgHöhe verliert und dann wieder gewinnt, dann zaubert sie aus dem Hut, was gerade zur hellsten Jahresteit im Schatten lag. Auf einmal findet ein Lichtstrahl einen Weg unter ein Dach oder einen Baum und entdeckt eine Deko, die den ganzen Sommer unsichtbar an der Wand in einem Winkel hing. Und mit ihr einen lieben Gedanken oder eine Erinnerung, fast vergessen. Oder eine späte Blüte, vorher nie beachtet. Einen frühen Schmetterling, der gerade erwacht. Auf einmal glänzt etwas hell und unübersehbar an Stellen, die man immer wieder aus dem Blick verliert.

Die kurzen Tage sind gut zum Ausruhen, für Mensch und Natur. Aber sie eröffnen nebenbei ganz andere Räume. Sie fordern auch zum Hinsehen auf, zum Aufschließen, zum Begreifen.

Die dunkle Jahreszeit ist gar nicht dunkel. Sie wirft nur andere Schlaglichter.