Befreiungsschneisen

Es fällt jedes Jahr sehr schwer, die Glücksblumeninsektenwiese zu mähen. Sie ist eine solche Überraschungstüte, jeden Morgen neu. Und eine Vielfalt von Insekten feiert genussvoll von früh bis spät Partys darinnen, die summenden Bässe voll aufgedreht, schillernde Metallicrüstungen an oder knallgelbe Pluderhosen von all dem Pollen. Voll im seligen Lebenssrausch fliegt keines von ihnen noch gerade. Die Hummel torkelt in den Pinselkäfer, der Schmetterling kriegt die Kurve nicht mehr hin und die Marienkäfer stürzen beim Liebesspiel in den Klee.

Aber einmal im Spätsommer muss es sein, sonst funktioniert eine Wiese nicht. Die zarten Kräuter brauchen Licht und werden sonst erstickt. Die Larven auf dem Boden können sich nicht entwickeln, wenn es dort zu kalt ist weil zuviel Schatten entstanden ist. Gemäht wird in Etappen, und das Schnittgut eine Weile liegengelassen, damit die Bewohner in Ruhe umziehen können. Immerhin duftet es gut. Und es sind so viele Samen auf den Boden gefallen, die für einen neuen Kreislauf sorgen werden. Man kann sich bedenkenlos auf sie verlassen.

Und während ich schnippele und schneide und andächtig staune, was mir dabei so alles begegnet, denke ich daran, wie oft es schwerfällt, etwas loszulassen und Freiraum für Neues zu schaffen. Und dass man manchmal auch mächtig radikal sein muss, damit es funktioniert, und die eigenen Verlustängste und Traurigkeiten überwinden. Einfach beherzt zupacken. Dann wird das schon, und es grünen und gedeihen wundersame Dinge, von denen man nicht einmal ansatzweise etwas geahnt hat.

Memo an mich selbst: Wenn man vertraulich mit Disteln und Brennesseln diskutiert, Gartenhandschuhe besser VORHER anziehen.

6 Kommentare zu „Befreiungsschneisen

  1. Liebe Patricia,

    bei dieser zauberhaften Beschreibung und den schönen Fotos habe ich Blumenduft in der Nase und möchte mich als Hummel an den Blüten satttrinken. Es ist wirklich ein idyllischer Garten!

    Ich wünsche weiterhin beherztes Zupacken – mit Gartenhandschuhen.

    Ich vertiefe mich gerade zum wiederholten Male in die Ostseetrilogie und sende sommerliche Grüße aus Ostfriesland,

    Dorothee

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  2. Ich muss doch leise in mich hineinlachen bei der Beschreibung der torkelnden Flugversuche von Schmetterling und Co und bei der Distelwarnung.
    So geht es mir auch in meinem Garten, ich rede sogar mit Pflanzen und Tieren. Das Wichtigste: es ist genau meins und ich fühle mich sehr wohl!

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