Weil er wartet

Ich habe hier lange nichts geschrieben. Weil ich anderes schreiben musste. Weil ich mit Leben beschäftigt war. Weil ich fort war. Zurück im Garten frage ich mich, warum ich mich hier so wohlfühle, in einer Stadt, die nicht zu meinen Lieblingsorten gehört, im Gegenteil. Und ich stelle fest: Weil ein Garten ein Ort ist, an den man zurückkehren kann. Immer wieder. Er verzeiht alles, nimmt höchstens das eine oder andere solange in die eigene Hand, lässt hier etwas wachsen und dort sich etwas zurückziehen. Es blüht in jedem Fall, und mir ist alles Bunte, Lebendige willkommen ebenso wie ich dort willkommen bin. Der Garten wartet geduldig, bis ich wieder da bin, sei es gedanklich oder persönlich. Wenn ich komme, macht er mir Geschenke, ohne Erwartungen. Mal gibt er etwas mehr den Ton an, wie es läuft, mal ich, aber er ist immer da, egal wo ich bin. Jetzt gerade bin ich zurück, und obwohl ich nicht viel Zeit für ihn habe, ist er großzügig für mich da, dieser Garten, der so gelassen und grün im Licht liegt. Wärme und Schatten, Duft und Kräuter, Farben und Formen schenkt er mir, Ruhe und Erfrischung, ein Flattern, Singen und Summen. Einen kleinen Frieden , große Hoffnungen. Andacht, Staunen, Demut, Träume, Glück, Gemeinsamkeit, kostbare Stunden.

Er wartet immer, und wenn man kommt, ist man angekommen.

Innere Gärten

Ein neues Jahr, noch ist es graubraun wie eine reglose Schmetterlingspuppe. Aber in so einer Puppe geschehen wundersame Dinge. Ein Wesen bekommt Flügel, die es auf eine Zeit voller Farbe und zwischen Himmel und Erde vorbereiten. So ähnlich geht es uns auch. Man denkt sich zukünftige Gärten aus, blättert in Samenkatalogen und findet kleine Wunder in den Blüten auf dem Fensterbrett – drinnen eben. Aber in aller Bescheidenheit beginnt auch draußen einiges. Schneeglöckchen blühen still schon mal auf, und mancher findet das zu früh, obwohl es schon immer so war. Es gibt eben geschützte Ecken, überall, auch für uns. Das Träumen ist so eine. Das darf man genießen. Nicht nur produzieren und konsumieren. Auch einfach nur mal in den inneren Gärten spazieren gehen. Lustwandeln hieß das früher, was für ein schönes Wort. Da gibt es so viel zu entdecken und zu genießen, und alles darf dort immer blühen, jederzeit und zeitlos. Und es gibt keine Zäune, an denen sie enden.

Ja, und die Zaubernuss, die zeigt schon mal Flagge, auch draußen, ungeniert, unbeirrt und beglückend.

Die Kunst der Stille

Das Jahr geht zu Ende, und es war ein übervolles Gartenjahr. Jetzt staune ich immer wieder, wie wohltuend die Ruhe ist, und die gedämpften Farben, und wieviel Licht und neue Formen sich zur Zeit finden, ob bei Frost oder Regen. Es ist auch jetzt jeden Tag eine Freude, durch den Garten zu gehen oder in der nahen Umgebung einen Spaziergang zu unternehmen. An jeder Ecke warten auch mitten im Winter Geschenke. Grüne Spitzen, die schon den Frühling vorbereiten. Das leise Tropfen von Schmelzwasser. Leuchtend bunte Flechten, fröhliche Pilze, einzigartige Baumsilhouetten. Luftblasen im Eis, die schönste Art abstrakter Kunst. Gefrorene Tropfen auf Grashalmen. Geheimnisvolle Nebelgeister, die über das Wasser wehen. Kranichrufe in der Luft. Ja, wir haben sie gehört heute, die Glücksvögel, ganz nahe. Sie läuten das alte Jahr aus und das neue ein, und ich bin voller Dankbarkeit für all das, was wir wachsen und blühen und reifen sehen durften. Wir werden all das wieder erleben. Aber vorerst genießen wir die vielen Gesichter des Durchatmens und der Stille.

Owi

In dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ , das für mich immer noch das schönste Weihnachtslied von allen ist, gibt es eine Textzeile:

Gottes Sohn o wie lacht

Als ich klein war, endete danach zunächst jedes Mal meine Aufmerksamkeit, denn ich musste darüber nachdenken, dass Gott offenbar noch einen zweiten Sohn hatte. Owi. Typisch, dachte ich, alle reden von Jesus, und Owi wird von niemandem beachtet. Wenigstens lacht er, das ist schon mal gut. Wahrscheinlich freut er sich, dass er einen kleinen Bruder bekommen hat. Und Jesus kann einen großen Bruder sehr gut gebrauchen, bei allem, was auf ihn zukommt. Aber wann hat Owi Geburtstag? Warum wird der nicht gefeiert? Warum kommt Owi auf den ganzen Bildern in den Kirchenfenstern gar nicht vor? Owi tat mir leid.

Aber später dachte ich, Owi hat es gut. Der kann abseits vom ganzen Trubel machen, was er will. Die stille Nacht genießen nämlich. Und niemand erwartet von ihm, dass er heilig ist. Und er darf lachen und hat auch Zeit dafür! Manchmal denke ich, ich höre ihn sogar, irgendwo oben zwischen den Sternen. Es ist ein warmherziges, gütiges Lachen, und dennoch voller Übermut, voller Lebensfreude, denn die ist es doch, die uns antreibt. Vielleicht ist er der gute Geist von all jenen, die mit den Strengen nichts anfangen können, mit den Drohungen von Hölle und Sünde und Strafe. Er muss nicht ans Kreuz genagelt werden, er muss für niemanden sterben. Er weiß, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Und für die, die nicht beachtet werden, ist er ein fröhlicher Kamerad. Vielleicht ist er ein Freund all derer, die eine andere Form des Glaubens haben ohne Kirchen, Psalmen, Predigten, aufwändige Talare und tödliche Kämpfe. Jene, die schlicht in einem Wald oder Garten stehen und dort etwas unfassbar Großes, Glückliches spüren und eine Lebenskraft, die manches zum Guten lenkt. Etwas, das weit über Worte hinausgeht und in dessen Präsenz niemand einsam sein kann.

Vielleicht ist Owi ja auch ein Mädchen. Jesus‘ große Schwester. Das Schöne ist: das ist egal. Denn Owi hat Humor. Vielleicht ist sie es, die uns Leichtigkeit schenkt und die Fähigkeit, auch in schweren Zeiten oft heiter sein zu können. Vielleicht ist er der Pate dafür, dass wir es gerade dann und trotzdem können. Wir wissen jedenfalls immer: Es geht wieder aufwärts. Denn bei allem Ernst der Feiertage und der allgemeinen Lage, wir hören es von allen Chören, allen Radiosendern: Owi lacht.

In diesem Sinne wünsche ich allen leuchtende, besinnliche und erholsame Feiertage und einen zuversichtlichen, heiteren, gesunden Start in ein nagelneues Jahr, in dem eines gewiß ist: Die Gärten werden blühen.

Winter-G(K)arten

As ich klein war, bekamen wir jede Menge Weihnachtskarten. Richtige, aus Papier, denn eMails oder diese unsäglichen blinkenden elektronischen „Grußkarten“ gab es noch nicht. Mein Vater hatte viele Studenten, und wenn sie ihren Abschluß hatten, begaben sie sich in alle Welt. Von dort schrieben sie Weihnachtskarten aus allen erdenklichen warmen und kalten Ländern. Auch gab es alle möglichen Firmen und Vereine, die sich bei meinem Vater in Erinnerung bringen wollten, und da sie aufgrund seines Fachs oft mit Weltraumfahrt zu tun hatten, gab es auf den Karten Motive mit weitem Himmel, unzähligen Sternen und Planeten und einer Menge Universum.

Die Karten klebten wir alle als Rahmen um die Tür zum Weihnachtszimmer. Für mich war es ein magischer Garten, in dem ich in meiner Phantasie spazierengehen konnte, denn draußen war um die Zeit ja nicht mehr so viel möglich und die Tage kurz. So war ich in Gedanken in Wüsten und an Polen unterwegs, flog durch die Milchstraße, traf Rehe und Hasen in tiefem Schnee und sah den Weihnachtsstern hell über traumhaften Horizonten. Das war mein Winter-Garten, und er war vielfältig und grenzenlos.

Nach Weihnachten breiteten wir alle Karten auf der Tischtennisplatte aus und wählten mit viel Bedacht und Diskussionen der sechs- oder mehrköpfigen Familie in mehreren Runden die Schönste von allen aus. Meist war dies eine mit einer verschneiten Landschaft, Tieren, magischem Licht, ein wenig Silberglanz und Sternen. Die Originellste bekam außerdem einen Sonderpreis. Die Gewinner erhielten dann eine Art Urkunde, eine Karte von uns mit der Erklärung, dass und warum diese Karte uns so gefalllen hatte.

Das spornte natürlich an, und so wurden die Karten immer schöner und mein Garten noch reichhaltiger an Überraschungen und Zauber.

Darum freue ich mich heute noch über richtige Weihnachtskarten, die man anfassen und an die Tür hängen kann. Auch wenn sie schlichter geworden sind und nur noch so selten vorkommen, als wären sie zu einem jener scheuen, heimlichen Geschöpfe geworden, die mir damals in den Bildern begegneten. Und wenn es mir möglich ist, schreibe ich welche, damit irgendwo jemand für einen lichten Augenblick der Ruhe in Gedanken durch einen Garten oder eine Landschaft spazieren kann.

Die Farben der Ruhe

Hier war es still in diesem Herbst. Vielleicht, weil es in dieser Jahreszeit so überwältigend viele Farben und Wunder und Veränderungen gibt. Weil ich mit Entdecken und Staunen und Schauen so beschäftigt bin, dass kaum Zeit für anderes bleibt. Oder weil in meinem Leben viel geschehen ist. Vielleicht auch, weil die Bilder, die in ihrem herbstlichen Farbenfeuer so groß sind, Worte überflüssig machen. Bilder sind den Worten oft überlegen mit ihrer inhaltlichen Fülle. Und manchmal bin ich der Worte müde und mag mich einfach fallenlassen in das Schweigen und die tiefe Ruhe.

Die Natur macht uns das jetzt vor. Die Zeit der Ruhe ist ein Geschenk. Erholen, Ruhen, Kraft sammeln, neue Wurzeln treiben, langsam und tastend, mit Vorfreude aber ohne Ungeduld. Die nun gedämpfteren Farben betrachten, denn sie sind ebenso schön, nur zarter. Den Aromen nachschmecken, den Gerüchen nach Erde und Frost. Atmen. Schlafen. In neuen Gedanken stöbern wie in alten Briefen. Die Adessen von Freunden wiederfinden und ihnen eine Weihnachtskarte schicken, eine zum Anfassen. Plätzchen backen und Kerzen anzünden und daran denken, dass es kaum noch dauert, bis die Tage bereits wieder länger werden. Mit sich selbst nachsichtig sein. Es ist eine kostbare, so kurze Zeit, diese neblige, stille, langsame, kühle, pastellfarbene, die uns erlaubt, einfach mal stehenzubleiben, nach innen zu sehen und den letzten fliegenden Blättern hinterher, und auch schon die ersten Triebe der Krokusse und Schneeglöckhen zu finden, die bereits nachsehen, ob der Himmel noch da ist. Ist er. Für uns alle, auch in diesen Tagen, auch in diesen Zeiten. Ich wünsche eine besinnliche, behutsame, beglückende Vorweihnachtszeit.

Befreiungsschneisen

Es fällt jedes Jahr sehr schwer, die Glücksblumeninsektenwiese zu mähen. Sie ist eine solche Überraschungstüte, jeden Morgen neu. Und eine Vielfalt von Insekten feiert genussvoll von früh bis spät Partys darinnen, die summenden Bässe voll aufgedreht, schillernde Metallicrüstungen an oder knallgelbe Pluderhosen von all dem Pollen. Voll im seligen Lebenssrausch fliegt keines von ihnen noch gerade. Die Hummel torkelt in den Pinselkäfer, der Schmetterling kriegt die Kurve nicht mehr hin und die Marienkäfer stürzen beim Liebesspiel in den Klee.

Aber einmal im Spätsommer muss es sein, sonst funktioniert eine Wiese nicht. Die zarten Kräuter brauchen Licht und werden sonst erstickt. Die Larven auf dem Boden können sich nicht entwickeln, wenn es dort zu kalt ist weil zuviel Schatten entstanden ist. Gemäht wird in Etappen, und das Schnittgut eine Weile liegengelassen, damit die Bewohner in Ruhe umziehen können. Immerhin duftet es gut. Und es sind so viele Samen auf den Boden gefallen, die für einen neuen Kreislauf sorgen werden. Man kann sich bedenkenlos auf sie verlassen.

Und während ich schnippele und schneide und andächtig staune, was mir dabei so alles begegnet, denke ich daran, wie oft es schwerfällt, etwas loszulassen und Freiraum für Neues zu schaffen. Und dass man manchmal auch mächtig radikal sein muss, damit es funktioniert, und die eigenen Verlustängste und Traurigkeiten überwinden. Einfach beherzt zupacken. Dann wird das schon, und es grünen und gedeihen wundersame Dinge, von denen man nicht einmal ansatzweise etwas geahnt hat.

Memo an mich selbst: Wenn man vertraulich mit Disteln und Brennesseln diskutiert, Gartenhandschuhe besser VORHER anziehen.

Grüne Gelegenheit

Den Grillkamin im Garten haben wir mit Hilfe tatkräftiger Freunde vor einem Vierteljahrhundert gebaut. Seitdem hat er viele Grillabende, Arbeitstreffen, Jubiläen, Taufen, Hochzeiten, Geburtstags- und andere Familienfeiern begleitet. Nach Fleisch oder Gemüsepäckchen, Folienkartoffeln, geröstetem Obst, geschmolzenem Käse oder ebensolcher Schokolade gab es Lagerfeuer darin, mit Gitarrenmusik, Gesprächen, Lachen und Sinnieren bis weit in die Sommernächte hinein.

Die Menschen jener Jahre sind nun längst nicht mehr da und mein Bedarf an Grillfesten schon lange vergangen. Doch da steht immer noch der Kamin, bereit, jederzeit wieder in Gebrauch genommen zu werden . Inzwischen jedoch hat ihn kurzerhand der Kürbis erobert, auf der Suche nach einer Stütze. Kaum ein paar Tage unbeobachtet, hat er, ins Licht und zum Himmel strebend, beherzt zugegriffen. Ich lasse ihn gern gewähren, denn er hat mir wieder einmal gezeigt, dass man naheliegende Gelegenheiten nutzen soll ohne zu grübeln: ob man alles richtig macht, ob sich das gehört, ob man einen Gegenstand so einfach umwidmen und für etwas anderes verwenden kann, darf oder sollte, ob es zu unordentlich ist, ob etwas passieren könnte oder es einfach zu ungewöhnlich ist, und was man sich sonst noch so für Gedanken, Zweifel und Hindernisse auferlegen könnte. Ich will wie er bei Möglichkeiten, auf die ich unvermutet stoße, die Hoffnung einfach grün wuchern lassen, die Unternehmungslust ausufern, tatkräftig neue Wege beschreiten, ohne Zögern, ohne unnötige Fragen, dann reift auch so manches Gutes.

Goldene Tiefen

Der zartgrüne, leuchtende Frühling ist geglückt und gegangen, ebenso das erste wilde, ausgelassene, überwältigende Blühen allerorten, das in einen Rosenrausch und die Sonnenwende mündete. Nun brechen die ruhigeren Tage an, warme, langsame, goldene Sommertage, eingerahmt von dichtem Dunkelgrün, begleitet von geheimnisvollem Gewittergrollen, das uns daran erinnert, dass wir nicht alles ordnen können und in der Hand haben. Die Grashüpfer beginnen allmählich, ihre Stimme zu erheben. Sie singen von Sommer, Liebe und den schönen Dingen im Leben und auch von der Kostbarkeit der Zeit. Und mit ihnen beginnen die Wochen der Taglilien. Sie kommen mit einem zarten, edlen Duft, in schlichter, stiller Eleganz, mit einer goldenen Tiefe, in der man versinken könnte. Und sie sind unermüdlich. Sie füllen die Lücken im Beet und schenken uns Reichtum, in aller Bescheidenheit. Dafür verwenden sie mit Großzügigkeit und Ehrfurcht alle Farben, die sie der Sonne abgeschaut haben, von Morgenapricot über Mittagsgold bis Sonnenuntergangsrot. Es gibt sie in zahllosen Formen und Größen, und sie alle sind sich einig: Der Grund ihres Seins ist, das Leben zu feiern. Heute. Jetzt. Länger öffnet sich die einzelne Blüte nicht. Der Tag ist ihr Königreich, die Gegenwart ihr Glück.

Meines auch. Ich kann mich nicht sattsehen an ihnen und an dem, was sie mich lehren. Ich stecke die Nase tief in jede, und dabei könnte ich von Morgens bis abends den Grashüpfern lauschen.

Nicht umsonst spielen sie beide eine tragende Rolle in einem meiner Romane, die Lilien und die Grashüpfer. Sie haben es verdient.