Befreiungsschneisen

Es fällt jedes Jahr sehr schwer, die Glücksblumeninsektenwiese zu mähen. Sie ist eine solche Überraschungstüte, jeden Morgen neu. Und eine Vielfalt von Insekten feiert genussvoll von früh bis spät Partys darinnen, die summenden Bässe voll aufgedreht, schillernde Metallicrüstungen an oder knallgelbe Pluderhosen von all dem Pollen. Voll im seligen Lebenssrausch fliegt keines von ihnen noch gerade. Die Hummel torkelt in den Pinselkäfer, der Schmetterling kriegt die Kurve nicht mehr hin und die Marienkäfer stürzen beim Liebesspiel in den Klee.

Aber einmal im Spätsommer muss es sein, sonst funktioniert eine Wiese nicht. Die zarten Kräuter brauchen Licht und werden sonst erstickt. Die Larven auf dem Boden können sich nicht entwickeln, wenn es dort zu kalt ist weil zuviel Schatten entstanden ist. Gemäht wird in Etappen, und das Schnittgut eine Weile liegengelassen, damit die Bewohner in Ruhe umziehen können. Immerhin duftet es gut. Und es sind so viele Samen auf den Boden gefallen, die für einen neuen Kreislauf sorgen werden. Man kann sich bedenkenlos auf sie verlassen.

Und während ich schnippele und schneide und andächtig staune, was mir dabei so alles begegnet, denke ich daran, wie oft es schwerfällt, etwas loszulassen und Freiraum für Neues zu schaffen. Und dass man manchmal auch mächtig radikal sein muss, damit es funktioniert, und die eigenen Verlustängste und Traurigkeiten überwinden. Einfach beherzt zupacken. Dann wird das schon, und es grünen und gedeihen wundersame Dinge, von denen man nicht einmal ansatzweise etwas geahnt hat.

Memo an mich selbst: Wenn man vertraulich mit Disteln und Brennesseln diskutiert, Gartenhandschuhe besser VORHER anziehen.

Rosige Zeiten

Draußen ist es heiß, lähmend heiß, das Atmen fällt schwer. Man lässt den Kopf hängen wie die Blüten, deren Blätter im Minutentakt fallen. Und doch: da ist so ein Reichtum an Duft, Farben und schierer Lebensenergie- und Fülle. Überschwänglich, überbordend, alles erfüllend. Denn es ist Rosenzeit, Juni, der Rosenmonat, und wohl auch ein besonderes Rosenjahr, und es gibt keinen Winkel in Lucys Garten, wo nicht schwere Rispen voller Rosenblüten über allem hängen, an unermüdlichen Trieben die sich schlängeln, sich erheben, an und über Mauern klettern, dem Himmel zustreben, sich zueinander oder zur kühleren Erde neigen.

Alle Farben, dunkelrot über orange, gelb, rosa und weiß, alle Formen, einfach bis gefüllt. Einmalblühend, öfterblühend, Wildtrieb und Züchtung, Busch-, Rambler oder Kletterrose. Klangvolle Namen wie Bathsheba, Gloria Dei, Golden Showers oder Jude the Obscure, und viele Namen, die ich vergessen habe oder nie gekannt. Es spielt alles keine Rolle: die Rosen feiern das Leben in einem gemeinsamen Fest, in einem ungenierten, mitreißenden Rausch. Sie leuchten sogar nachts, wenn der Rosenmond silbern in den langen Sommerabend steigt.

Sie ist kurz, diese Zeit, kürzer noch als sonst, da die Hitze brennt und gar nicht soviel gegossen werden kann wie es nötig wäre. Rosen sind Tiefwurzler und vertragen viel, doch die Blüten haben es schwer. Doch all das kümmert sie nicht. Es geht nicht darum, ob sie morgen noch blühen oder auch gestern schon. Sie feiern das Heute, den Tag, den Augenblick, und der ist dermaßen erfüllt, dass es genügt. An dieser Energie, an dieser freudigen, genügsamen Gegenwärtigkeit können wir uns anstecken, es genauso machen, wenigstens manchmal, und dann wird ein Geschenk daraus, ein leichtes, strahlendes, duftendes, in dem alles enthalten ist, was wirklich zählt.

Ich durfte mehrere solche Geschenke genießen, in diesem besonderen Sommer, mehr als je zuvor. Die Rosen fassen in Gestalt, wofür ich keine Worte habe. Und zeigen, wie wenig man manchmal ahnt, was für Knospen sich morgen noch öffnen werden.

Lichtfischer

Januar. Graue Tage, kalte Tage, Tage, die für uns alle gerade schwer sind. Doch auch an solchen Tagen gibt es Helles. Eine kleine Seifenblase und der Blick hindurch machen kleine Wunder größer. Sie fängt das Licht ein, von dem man gar nicht bemerkt hat, dass es da ist. Sie fischt Farben aus dem Grau und lässt sie intensiver leuchten. Sie macht etwas rund, vielleicht auch die Gedanken, und vor allem die Hoffnung. Sie könnte platzen, aber sie tut es nicht, noch nicht, sie hält und hält, auch wenn sie ein wenig im Wind zittert, und zeigt uns was Stärke ist. Und wenn ihre Zeit dann doch gekommen ist, hinterlässt sie einen Schimmer, der uns viel zu sagen hat und Lust auf mehr macht.

Der unendliche Adventskalender

Ende November erhielt ich von einer lieben Freundin ein Päckchen mit einem zauberhaften Adventskalender. In vierundzwanzig liebevoll gestalteten Tüten verbargen sich Samentüten. Samen für Blumen, die alte Freunde sind und Samen für Sorten, von denen ich noch nie gehört habe. Während die Tage immer kürzer wurden öffnete ich jeden Morgen voller Spannung neue Frühlingsvorfreude.

Kurz vor Weihnachten überraschte mich eine hoffnungsfrohe Narzisse mit weit geöffneten Blüten, mitten im Garten, mitten im Wintergrau. Sie sagte, alles sei möglich und versprach, dass all diese winzigen Samen ganz genau wissen, wie sie eines Tages genauso groß werden können. Sie tragen alle nötigen Informationen in sich, obwohl sie zum Teil kaum mit bloßem Auge zu erkennen sind. Das bleibt für mich ein unfassbares Wunder.

Ich wandere viel in diesen Tagen, immer wieder durch den Garten, aber auch in der Umgegend. Überall sind Schätze zu finden. Man muss nur etwas genauer hinsehen als im Sommer, aber es ist nicht schwer, weil alles so durchlässig ist, ohne Blätter. Da ist viel Raum für Glanz.

Nun liegt ein ganzes neues Jahr vor uns. Und während ich meine Hecke schneide, ehe die Vögel schon wieder zu brüten anfangen – singen tun sie schon – dann denke ich: So ein Jahr, da ist in jedem einzelnen Tag eine oder mehrere Überraschungen zu finden. Sei es eine vorwitzige Narzisse, ein Tropfen, in dem die Welt kopfsteht, ein filigranes Spiegelbild im Wasser oder eine Waldrebe mit fröhlicher Frisur. Oder eben die hoffnungsfrohen Keimlinge, die aus dem sagenhaften Inhalt all der Samentütchen sprießen und blühen werden, wenn ihre Zeit gekommen ist und sie ihren Platz gefunden haben. Man kann nicht durch einen Garten oder auch nur zum Briefkasten gehen, ohne etwas zu entdecken. So ein Jahr ist ein Adventskalender für dreihundertfünfundsechzig Tage. Wie aufregend! Ich freue mich so darauf.

Nachtwärme

Um Mitternacht im Liegestuhl, den Rücken ganz nach hinten gestellt. Die Stadt ist hell, viel zu hell, aber an einer bestimmten Stelle in Lucys Garten kann man dann doch Sterne sehen, sogar Sternbilder. Die Kassiopeia, das Himmels-W, stellvertretend für alle großen Fragen – Warum? Wohin? Wer? Was? Wann? – ist eine ganz alte Freundin von mir. Der große Wagen. Der Hundsstern, denn es sind die Hundstage, die nach ihm benannt sind, und sie sind so heiß, wie es sich für sie gehört. An eine Sichtbarkeit der Milchstraße ist hier nicht zu denken, aber dafür gibt es Flugzeuge, menschengemachte Sterne, die als eilige Funken durch das Firmament ziehen. Wer? Wohin? Warum?  Uns verbindet viel mit den Sternen, nicht nur unsere Herkunft. Wir oreintieren uns daran. Wir träumen darunter. Sie machen uns neugierig, treiben die Forschung voran. Sie erinnern uns an unsere Kleinheit im All, und das ist heilsam.

Es ist Sternschnuppennacht, die Tage der Perseiden, und ich warte. Eine Maus raschelt irgendwo, Nachtfalter kosten die Wandelröschen, eine Mücke sirrt im Ohr. Man müsste öfter so sitzen, allein mit der dunklen Stille, dem Duft vom Jelängerjelieber und den reifenden Pfirsichen, mit dem Himmel. Selbst die Zeit schweigt. Eigentlich braucht es gar keine Sternschnuppen.

Doch dann fällt etwas, ein Licht, ein wenig wärmer als das der Sterne, flüchtig, lautlos, zauberschön, eine Sekunde des kindlichen Staunens, beglückend. Und noch eins, huscht in eine andere Richtung, heller diesmal. Woanders wieder ein Zarteres, dann ein ganz Helles, blendend fast, quer durch die Kassiopeia. So hell, dass es einen Augenblick verweilt, vielleicht auch nur als Nachklang auf der Netzhaut, bevor es veglüht. Es macht mich sogar ein wenig traurig: da hört etwas auf zu sein, dass bisher unfassbar ewig und weit im All unterwegs war. Doch es schenkt uns im Vergehen diesen Moment, der im Gedächtnis bleibt und Mut macht. Es ist wohl gut so, das es so ist mit der Vergänglichkeit. Wir sind nicht so lange und weit unterwegs, und doch ist es kaum anders mit uns.

Uns verbindet viel mit den Sternen.

Irgendwo da draußen fällt etwas und verglüht und schenkt Licht, und dann ist es die Nacht, die in den Morgen fällt. In das Licht eines neuen Tages, in dem es Früchte zu ernten gibt und Blüten zu entdecken und ein Frosch sich in der Wärme sonnt.

August

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Das Leuchten ist jetzt anders, auf der anderen Seite der Sonnenwende. So warm und klar. Es unterstreicht den Zauber der Dinge. Nicht nur den der Blüten. Auch den der Treffen mit guten Freunden.

Eine eigene Ernte, ein filigraner Strauß, ein Lachen, eine Begegnung, ein Brief – alles ist kostbar in diesen heißen, leuchtenden, langsamen Sommertagen. Der August hält das Licht in seinen Handflächen, schreibt die Dichterin Victoria Eriksson.

Morgens zittern die Tropfen in den glänzenden Spinnweben wie vor freudiger Erwartung. Ein neuer Tag, in dem wir auf Entdeckungsreisen gehen können, im Garten, in Gesprächen im Schatten eines alten Baumes, zwischen den Seiten eines Buches mit dem Duft von Klee und dem Summen von Bienen um uns herum.

Die Hundstage bringen Blüten an Pflanzen hervor, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie gepflanzt habe. Alles ist leichter und doch zu groß für viele Worte. Das Glück liegt in der Stille.

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Die Wiese wächst nach der Mahd ein zweites unbeirrtes Mal. Früchte reifen zusammen mit den neuen Erinnerungen, die wir gerade erschaffen. Pfirsiche, Tomaten, Auberginen, Gurken. Das Wasser der Seen ist gerade noch erfrischend, trägt uns unter dem Himmel, der abends rosa Wolken treiben lässt wie Papierschiffchen.

Die Sommerabende kommen bereits ein wenig früher, aber sie sind voller Süße und Sanftheit, sie versöhnen mit der Vergänglichkeit und der Flüchtigkeit der Zeit.

Sie haben uns für eine Weile sogar einen Kometen geschenkt. Doch die Sterne sind genug. Und manchmal sieht man sie sogar über der Stadt.

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Wolkenweiß

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Unter alllen bunten Blüten im Garten, die sich im Sommerwind zu einem übermütigen, überschwänglichen Farbenrausch mischen, stehe ich oft mit der größten Ehrfurcht vor den schlichten, reinweißen.

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Deren klare Leichtigkeit bietet eine Ruheinsel für das Auge und eine Erfrischung für die Seele. Bei Hitze kühlt der Anblick, bei Regen birgt er Licht.  Sie erinnern mich daran, dass das Einfache oft das Wunderbarste ist. Und ein Stück Himmel sind sie auch, denn was wäre ein Himmel ohne gelegentliche Wolken?

 

Das kleine All zwischen den Geschichten

Die Zeit zwischen dem Schreiben zweier Bücher ist stets eine merkwürdig Schwerelose, eine Art Traum-Zeit. Die alten Figuren haben sich längst verabschiedet, die neuen stellen sich erst ganz langsam vor. Es ist, wie wenn man die Augen zusammenkneift um eventuelle Wesen besser sehen zu können, die aus dem Licht oder dem Schatten treten. Erst sind nur die Silhouetten ahnbar, dann die Gesichter. Irgendwann beginnen sie, ihre Geschichte zu erzählen, erst stumm, dann ganz leise, schließlich deutlicher. Das ist kein linearer Prozeß, sie tanzen mal hinein, mal hinaus aus dem Schärfebereich, spielen Verstecken hinter den Sonnenblumen, lachen aus der Ferne oder winken auffordernd um die Ecke.

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Der Garten ist ein guter Ort, um sie anzulocken, sich ihnen zu nähern, sich bekannt zu machen, ihnen zu lauschen und sich mit ihnen anzufreunden. Es gibt so viele Schätze zu sehen hier, für mich und für sie. Jeder davon erinnert uns daran, wie voll dieser Reichtümer das Leben ist.

Diese Zeit zwischen den Geschichten ist immer seltsam, als wäre der Boden weniger fest, die Tage ungenau. Diesmal dauert sie länger. Aufgrund von Corona verschoben sich Planungsgespräche und Verlagsverträge nahtlos bis zur Urlaubszeit, in der alles stillsteht und niemand da ist; Recherchereisen mussten von April auf August verlegt werden. Die Zeit wird mir später fehlen, aber dafür sprießen jetzt ungeordnete Ideen im Vakuum wie der Klee auf der Wiese. Im Gegensatz zu den Geschichten sind die Rotschwänzchen aus dem Nistkasten längst flügge. Immerhin, die Mohrrüben und Gurken sind lecker, auch die ersten dicken Tomaten reifen.

Und wenn es nach Sommer duftet und die Zeit auf geheimnisvolle Weise langsamer läuft, die ersten Grillen zirpen und ein paar selten gewordene Regentropfen im Gras funkeln, dann genügt es wohl auch einmal, die Gedanken nur wandern zu lassen, bis sie den Träumen begegnen und sich mit ihnen gemeinsam ganz ziellos auf einen Weg machen.

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Koelle & Kalani

wp-1594046007499.jpgAm Samstag habe ich  Lucys Garten einmal sich selbst überlassen. Ich war mit meinem Stehpaddelbrett auf dem See, ganz früh am Morgen. Das Brett habe ich im letzten Sommer auf den Namen Kalani getauft, das ist ein hawaiianisches Wort für Himmel. Denn wenn ich darauf stehe und auf dem klaren Wasser unterwegs bin, in dem sich dieser Himmel spiegelt, dann sieht es für mich aus als führe ich durch Wolken. Es war so früh, dass ich allein war bis auf einige Schwimmer. Der glänzende große Spiegel war leer bis auf mich kleinen Punkt. Und dann stieg die Sonne über die Baumwipfel, streute ihr Funkeln auf den See und warf mir eine Brücke aus Licht zu.

Ich habe einmal eine Kindergeschichte geschrieben darüber, dass dieses Glitzern auf dem Wasser, dies zauberhafte Funkeln all die Träume sind, die den Menschen in den Sinn kommen wenn sie aufs Wasser blicken. Oft werden sie dort vergessen und womöglich nie wieder abgeholt, also treiben sie dort und funkeln.

Aber die Wahrheit, dachte ich jetzt neben dem Rhythmus der Paddelschläge, die ist viel  unwahrscheinlicher, größer und märchenhafter: Ein unvorstellbar weit entfernter, unbegreiflich riesiger und unfassbar heißer Stern irgendwo im All streut dieses Funkeln auf das Wasser. Nicht für uns, sondern aufgrund bloßer physikalischer Fakten, und doch sind wir hier und in der Lage, es als Geschenk zu empfinden. Aber nur, weil das Magnetfeld der Erde uns schützt, und weil es die Schwerkraft gibt, die uns und das Wasser vor der Fliehkraft und dem freien Fall bewahrt, weil sich um einen glühenden Kern eine bewegliche Kruste geformt hat, weil es Vertiefungen gibt und das Wasser, das sich darin sammelte, weil da die Atmosphäre entstanden und geblieben ist, die Wunderbares mit dem Licht anstellt – all das und noch viel mehr! Das Ganze ist eine so haarsträubend unglaubwürdige Geschichte und dabei oder deswegen so beglückend, dass es einer jener Momente ist, die mich öfters überfallen. Wenn es keine Worte mehr gibt, nur Staunen, wenn das atemlose, haltlose, dankbare und demütige Sein so groß ist, dass ich froh bin, mich am Paddel festhalten zu können, und dann ist es wie Schweben, wie Fliegen ohne Abheben, nur der Himmel, das Wasser, das Licht und eine Leichtigkeit, die fast schon wieder zu groß ist um sie lange auszuhalten.

Inzwischen füllt sich der See, es mehren sich andere Paddler und das Bild des Alltags schiebt sich wieder über den Tag. Haubentaucherküken fischen in den Wellen, Graureiher wachen, Jungfische ziehen in silbernen Schwärmen unter mir vorbei. Doch dann kommt ein Wind auf, der sich bei blauem Himmel rasch zu einem veritablen Sturm entwickelt. Plötzlich ist kein Vorwärtskommen mehr gegen die Strömung, ich muss mich hinknien, klein machen, weniger Widerstand bieten. Ich mag das, den Wind, ich kämpfe mich vorwärts bis zur Boje und binde Kalani dort an, lege mich auf den Rücken und betrachte diesen wandelbaren Himmel mit den Schwalben darin, die inmitten der Böen einen triumphalen Kunstflug vorführen. Eine Libelle ruht sich auf meinem Bauch aus. Die Wellen wiegen mich. Ich vergesse die Zeit und entwerfe die Biographie meines neuen Protagonisten, und als ich mich aufsetze, ist der See wieder leer. Die anderen Paddler haben aufgegeben und sind verschwunden, die Schwimmer auch. Am Ufer beugen sich die Bäume in einem wilden Tanz. Ich denke: Wie gut, wenn man einen Anker hat in den Stürmen, die wir alle erleben! Eine Boje, ein Zuhause, eine Liebe oder ein Ziel.

Und dann löse ich die Schnur und stehe auf, und auf dem Rückweg brauche ich keinen einzigen Paddelschlag. Ich komme dennoch so schnell vorwärts, dass Kalani eine rauschende Bugwelle verursacht.

Denn jetzt habe ich Rückenwind. Den gibt es auch, immer wieder.

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Sommerstille

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Sommeranfang, und wenn ich im Garten bin, finde ich zur Zeit keine Worte. Darum ist es hier so ruhig geworden. Sommer! Die Momente zwischen der Geschäftigkeit. Himmel, Erde, Bienensummen. Die unzähligen so verschiedenen Blüten, die sich öffnen, den Tag mit Duft und Farbe bestreichen und dann fallen. Die Vergänglichkeit macht sie noch intensiver, kostbarer, unfassbarer, so wie uns alle, so wie die, an die wir uns erinnern. Die allerersten Grillen im Gras, die genau davon singen, von der Zeit, die vergeht und der Süße der Gegenwart. Barfuß im Tau.

Ich brauche keine Worte im Garten, manchmal, weil  alles das genügt, weil es so viel mehr in sich trägt als Worte. Das spricht eine ganz andere Sprache. Das Rotschwänzchen, das im Kasten an der Hauswand brütet, teilt dieses stille Reich mit mir, auch wenn es zum stummen Staunen keine Zeit hat. Es muss füttern, damit es auch im nächsten Jahr Rotschwänzchen gibt. Niemand von uns möchte eine Welt ohne Rotschwänzchen. Zum Glück hat dieses es leicht in Lucys Garten, denn da sind so viele Insekten und Würmer unterwegs, dass es nur rund um sich her schnappen muss.

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Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade zwischen den Geschichten bin, dass die Worte sich zurückhalten. Sie ruhen sich aus. Die eine Geschichte beeendet, die andere noch nicht begonnen. Ich war heute früh unterwegs, Hand in Hand mit dem kühlen Morgen. Durch die Felder, in das Kalkmoor. Ein verwunschener Ort, mit kleinen Geheimnissen in dunkelschimmernden Tümpeln, mit Urwald und Brachflächen, und immer der Kuckuck, und der Pirol, und die Kraniche. Dazwischen liegen Bruchstücke von neuen Geschichten, glänzend im Gras, ich brauche sie nur aufsammeln. Aber sie verhalten sich wie Schmetterlinge, mal hier, mal da, nicht greifbar, dann doch wieder zutraulich. Ich nehme sie mit, in unsichtbaren Taschen. Ordnen kann ich sie später. Sie sind noch jung, im Larvenstadium, sie brauchen auch noch keine Worte.

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Das Kalkmoor ist eine gefährdete Landschaft. Hier wird sie gerade renaturiert, man versucht, zu erhalten was noch nicht ganz verloren ist. Dabei haben sie Reste der Mauer gefunden, die dornenbewehrten Eisengitter, die man einst in den Gräben des Moores versenkt hat damit niemand im Schutz des dunklen Wassers aus dem Osten in den Westen fliehen konnte. Stalinrasen nannte man sie. Heute fliegt der Pirol darüber, weil es wieder mehr von ihm gibt, und die Menschen wandern hin und her, ungehindert. Die Getreidefelder sind staubtrocken, es regnet so gut wie nie, aber immerhin liegt dicker, goldener Frieden über dem Land.

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Es sind die Geschichten, die uns zusammenhalten. Die wahren, und die, die wahr sein könnten. Manchmal müssen wir sie erzählen, und manchmal müssen wir zuhören, wenn es die Geschichten ohne Worte sind. Irgendwann schlüpfen sie, wie die Libellenlarven, die im Moor an den Halmen hochklettern und im Morgenlicht ihre Flügel zum ersten Mal glätten, um sich dann, wenn sie den Mut finden, in den neuen Tag aufzuschwingen.

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