Geht nicht gibt’s nicht

Meine uralte Buchenhecke war mir aus diversen Gründen weit über den Kopf gewachsen. Insgesamt vier bis fünf Meter. Das kann man nur professionell schneiden lassen, mit einem Ausleger, sagten mir die verschiedenen Männer, die ich befragte.

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Aber das kam erstmal nicht in Frage, auch aus Gründen. Also sagte ich mir, selbst ist die Frau, besorgte mir ein neues Sägeblatt für den 4-Meter-Stiel und legte mit einer feinen Mischung aus Brutalität und Geschick los.

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Einen Muskelkater und vier Tage später habe ich endlich wieder Himmel, und die Blumen Licht.

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Mir hat es jedenfalls gezeigt, dass man mit manchem auch allein fertig wird, das einem weit über den Kopf gewachsen ist. Man braucht nur das richtige Werkzeug, etwas Zeit und einige Entschlossenheit. Ach ja, und sehr alte Hosen.

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Die Reste werden mich auch nicht kleinkriegen, sondern ich sie. Nach und nach. Vielleicht baue ich eine Benjeshecke.

Kartoffelauf-Lauf

Die Süßkartoffel zieht Wurzeln. Ich habe sie auf das warme Fensterbrett gestellt damit sie Licht hat, nicht damit sie sieht, wo sie wachsen soll – aber vielleicht hilft das ja auch.

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Ich habe noch nie eine gepflanzt, aber spontan beschlossen, es in diesem Jahr zu probieren. Es gehört zu den Dingen, die ich im Leben nicht versäumen möchte. Weil Süßkartoffeln lecker und gesund sind und ich sie sehr gerne esse. Aber auch, weil ihre Blüten so schön sein sollen und ich das sehen will. Weil die Insekten die  dann vielleicht auch mögen. Und weil ich es höchst faszinierend und sehr ermutigend finde, dass aus so einer unscheinbaren Knolle eine so wundersame Pflanze kommt.

Vielleicht wird dann aus meiner unscheinbaren Idee auch ein schöner Roman. Zum Beispiel. Oder eine ganz andere kleine, braune, schrumplige Idee aus dem Vorjahr zieht Wurzeln und findet den Platz, an dem sie gedeihen kann.

Wer weiß das schon? Auf den Versuch kommt es an. Es ist nicht schlimm, wenn ich im Herbst keine Süßkartoffeln ernten kann. Aber die Wurzeln sind gekommen! Zart und hell und neugierig. Ich sehe, dass etwas wächst, wenn man ihm die Chance gibt. Wie weit es dann seinen Weg findet, wird sich zeigen. Manchmal genügt es bekanntlich schon, einfach anzufangen.

An-Blick

Es gibt unzählige Iris-Sorten, deren Namen ich mir nie merken kann. Auch von den Zwerg-Iris geistern diverse durch den Garten. Sie blühen häufig schon im Februar, und jedes Mal stehe ich verblüfft davor. Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse passen iwp-1581783442841.jpgn diese Jahreszeit, aber die beinahe unverschämt extravagante, knallbunte Blüte der Iris eben noch nicht. Für einen Moment frage ich mich unwillkürlich: Gehört sich das denn? So vorzupreschen? Die Euphorie des Sommers dermaßen vorwegzunehmen, ehe ähnliche Blumen nach dem Winter überhaupt das erste Mal gegähnt haben? Und ich mit der Gartenarbeit auch nur ernsthaft begonnen habe?

Sie stammt eigentlich aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht liegt es daran. Aber sie akzeptiert unsere Winter einfach. Auch die richtigen, die mit Schnee. Sie nimmt widerspruchslos die Bedingungen an, die sie vorfindet und macht nicht nur das Beste daraus, sondern noch eine ganze Menge mehr. Punkte hier, Striche dort, Knallgelb auf alle Blau- und Violettschattierungen geknallt, das Röckchen elegant gehoben, perfekte Körperspannung. Völlig ohne Wecker, Kaffee und Aufschieberitis steht sie am frostigen Morgen aufrecht im Wind unter Wolken. Restlos bereit für den zerbrechlichen Tanz, der Leben heißt.

Ich sehe sie immer erst, wenn sich die Blüten geöffnet haben, so wenig Aufhebens macht sie um sich. Und wenn sie mich dann so unversehens ansieht, gänzlich ausgeschlafen, und mir diese Farben auffordernd zu Füßen legt, dann ist es wie der erste Augenaufschlag des Frühlings.

Wie soll man da nicht verlieben? Jedes Jahr neu. In diesen Blick. In den Neubeginn. In das Sein.

Uromafrühling

Wenn es draußen zu ungemütlich ist, dann passt der Frühling auch mal in Urgroßoma Margaretes Waschschüssel im Wintergarten. Auch so ein winzigkleiner Frühling reicht,

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um glücklich zu machen, weil auch er eine ganz große Gegenwart ist.

Und da er die Seele erfrischt, ist eine Waschschüssel eigentlich ein recht passender Platz.

Urgroßoma Margarete hat sich einst ganz bestimmt an genau den gleichen Blumen erfreut. So ist Frühling eine lebendige Brücke zu allen Vorfahren, die jemals  eine Narzisse gesehen haben. Sicher auch oft mit dem Gefühl, dass nun erstmal alles leichter wird, egal wie schwer es gerade ist.

Mehr Sein als Schein

Ich habe den Sommerflieder gründlich heruntergeschnitten, wie sich das im Februar gehört. So etwas kostet immer ein bisschen Überwindung. Es fühlt sich so brutal an. Aber es muss sein. Und dann stehe ich ehrfurchtsvoll davor und denke, was für ein unvorstellbares Wunder wp-1581182205338.jpges jedes Jahr wieder ist – dass aus diesen kahlen Ästen, in denen man kaum noch Leben vermuten würde, bald so viel Grün unaufhaltsam zum Himmel strebt. Dass in wenigen Monaten ein riesiger, duftender Blütenstrauß hier stehen wird, in dem sich Bienen und Falter drängen.

Es zeigt mal wieder, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte, schon gar nicht aufgrund von äußeren Eindrücken.

Und ja, ein bißchen Feinschliff braucht der Schnitt noch. Aber dafür war es zu windig heute.

Bei uns piept es

Heute bin ich zum ersten Mal in diesem Frühling von Vogelgesang aufgewacht. Ich glaube, es war das Rotkehlchen, vielleicht auch eine Amsel, begleitet von einer wp-1580659379747.jpgmunteren Hintergrundboyband aus Spatzen.

Die Amsel hat auch schon an Weihnachten gesungen, mitten in der Nacht. Das ist so hier in der Stadt, in der es niemals mehr dunkel wird.

Doch heute war es anders. Dieses Lied handelte vom Frühling. Von Beginn und Neubeginn. Von neuem Mut, neuem Licht und neuen Tagen. Von uraltem Vertrauen, dass es so kommt, wieder und wieder. Wenn wir mitmachen. Wenn wir singen. Oder einfach nur, falls man nicht singen kann, einen Moment länger im Bett liegen bleibt, verzaubert lauscht und mit den Tönen vor Freude innerlich in den graugoldrosarotfeuchtsilbermorgendämmrigen Himmel schwebt.  Weil man unfassbar glücklich ist in einer Welt leben zu dürfen, in der Vögel singen.

Der bunte Anfang

wp-1579535094058.jpgEtwas am Blumenpflücken macht den Tag leicht, vor allem wenn es mitten im Winter ist. Es ist ein bißchen wie Barfußgehen im Kopf, wie bei Morgentau im taunassen Gras herumhüpfen oder im Regen lachen – es ist eines von den ganz einfachen Dingen, die unkompliziert glücklich machen. Und noch mehr, wenn sie auch noch zu einem unerwarteten Zeitpunkt kommen.

Der erste Blumenstrauß im Jahr trägt den ganzen Frühling und Sommer in sich. Er ist das Samenkorn, in dem die gesamte Freude am kommenden Wachsen gründet. Darum darf er auch ganz klein sein.

Er ist ein auch bißchen wie ein Brief vom Garten, eine Nachricht, dass dieser nun erwacht, in aller angemessenen Ruhe.

Ich pflücke nur die Blüten, die der Wind oder die Amsel geknickt hat oder die irgendwo unter schweren Zweigen erdrückt werden.

Der Rest bleibt unter dem Himmel, unter den er gehört. Sie sollen ja auch all den anderen Keimlingen Mut machen die sich, noch unsichtbar, unter der Erde hocharbeiten. Die in der Vase aber, die schenken ihn mir – den Mut.