Dickes Hühnchen

Früher mochte ich die von den Kindern gern auch als Dickes Hühnchen bezeichnete Fette Henne nicht besonders. Das hat sich gründlich geändert. Ja, sie kommt ein wenig stoisch daher und hat so gar nichts poetisch Filigranes – es sei denn, man betrachtet die wp-1581182021109.jpgBlüten mal genauer. Aber sie hat jede Menge gute Eigenschaften, und das macht sie unwiderstehlich. Vielleicht musste ich ein gewisses fortgeschrittenes Alter erreichen, um sie richtig zu würdigen.  Jetzt im Frühling ist sie eine der Ersten, die ungerührt von Grau und Kälte jenes zugewandte Wachsen in Angriff nimmt, das sich nun gehört. Zweifel kommen bei ihr gar nicht erst auf. Der Sturm ficht sie nicht an, ich glaube, sie bemerkt ihn gar nicht. Voller Optimismus zieht sie grüne Kreise. Was getan werden muss, vollzieht sie, und noch etwas mehr. Sie macht Mut. Sie ist bescheiden. Wenn man sie nicht gießt, ist es ihr schnuppe. Und auch, wie man sie nennt. Sie bleibt sie selbst. Man kann sich in vielerlei Hinsicht ein Beispiel an ihr nehmen.20190904_163229.jpg

Es gibt sie inzwischen in allen Farben des Spätsommers und Herbstes, und diese Farben glühen auch noch unbeirrt, wenn vieles andere schon aufgegeben hat. Und alles was summt und brummt liebt ihre Blüten. Ich jetzt auch. Sie darf sich in Lucys Garten gern ausbreiten. Auch wenn ich dann manchmal drumherumlaufen muss, um das ganz schön dicke Hühnchen.

Bei uns piept es

Heute bin ich zum ersten Mal in diesem Frühling von Vogelgesang aufgewacht. Ich glaube, es war das Rotkehlchen, vielleicht auch eine Amsel, begleitet von einer wp-1580659379747.jpgmunteren Hintergrundboyband aus Spatzen.

Die Amsel hat auch schon an Weihnachten gesungen, mitten in der Nacht. Das ist so hier in der Stadt, in der es niemals mehr dunkel wird.

Doch heute war es anders. Dieses Lied handelte vom Frühling. Von Beginn und Neubeginn. Von neuem Mut, neuem Licht und neuen Tagen. Von uraltem Vertrauen, dass es so kommt, wieder und wieder. Wenn wir mitmachen. Wenn wir singen. Oder einfach nur, falls man nicht singen kann, einen Moment länger im Bett liegen bleibt, verzaubert lauscht und mit den Tönen vor Freude innerlich in den graugoldrosarotfeuchtsilbermorgendämmrigen Himmel schwebt.  Weil man unfassbar glücklich ist in einer Welt leben zu dürfen, in der Vögel singen.

Der bunte Anfang

wp-1579535094058.jpgEtwas am Blumenpflücken macht den Tag leicht, vor allem wenn es mitten im Winter ist. Es ist ein bißchen wie Barfußgehen im Kopf, wie bei Morgentau im taunassen Gras herumhüpfen oder im Regen lachen – es ist eines von den ganz einfachen Dingen, die unkompliziert glücklich machen. Und noch mehr, wenn sie auch noch zu einem unerwarteten Zeitpunkt kommen.

Der erste Blumenstrauß im Jahr trägt den ganzen Frühling und Sommer in sich. Er ist das Samenkorn, in dem die gesamte Freude am kommenden Wachsen gründet. Darum darf er auch ganz klein sein.

Er ist ein auch bißchen wie ein Brief vom Garten, eine Nachricht, dass dieser nun erwacht, in aller angemessenen Ruhe.

Ich pflücke nur die Blüten, die der Wind oder die Amsel geknickt hat oder die irgendwo unter schweren Zweigen erdrückt werden.

Der Rest bleibt unter dem Himmel, unter den er gehört. Sie sollen ja auch all den anderen Keimlingen Mut machen die sich, noch unsichtbar, unter der Erde hocharbeiten. Die in der Vase aber, die schenken ihn mir – den Mut.

Eismorgen

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Es ist immer wieder aufregend, ein neues Buch zu beginnen. Die Fäden meiner Geschichte sind noch nicht ganz greifbar. Bei sonnigen vier Grad minus hängen sie immer deutlicher in der Morgendämmerung wie Spinnweben und ich versuche, sie zusammenzuklauben. Dabei hüpfe ich im Schlafanzug im Garten herum um Reifkristalle zu fotografieren. Ich sehe sie oben auf dem Gartentor im ersten Licht glänzen und beschließe, dass ein gelegentlicher Anflug von Frost auf der Seele mich in diesem Jahr niemals davon abhalten wird, ein Tor zu öffnen und einen neuen Weg zu gehen, egal wie weit ich komme.

 

 

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Neujahr

Im Frühherbst habe ich zum ersten Mal Stiefmütterchen gesät. Es hat zu meiner Überraschung nur ein paar Wochen gedauert, bis sie blühten. wp-1577883715319.jpgDie kurzen Tage genügten ihnen, um mir seitdem jeden Tag Blüten in den kahlen Garten zu streuen.

Heute, am ersten Tag des Jahres, sind sie wie die meisten von uns ein wenig zerzaust vom vorangegangenen Jahr und dem Winter. Der will zwar nicht so recht einer werden, doch die Nächte sind lang und die Bäume nackt und wir ein wenig müde. Aber die Stiefmütterchenblüten stehen mitsamt den Spuren von Schneckenfraß und Sturmböen aufrecht und hartnäckig im Januarwind, bereit für blauen Himmel. Sie machen mir Mut. Ich bin auch bereit. Und endlich zu alt, um mich des Zerzaustseins und der Spuren wegen zu genieren. Der Himmel ist in Ordnung so, mit oder ohne Blau. Ein neues Jahr um zu blühen, für uns alle, die noch da sind um es zu sehen. Wir blicken mit Staunen und Neugier darauf, das Stiefmütterchen und ich.