Unter der Kälte

Na sowas! Eine Überraschung in Lucys Garten. Der erste Schnee in diesem Winter – und das im Frühling. Ich hatte ihn vermißt. Nun war er ein Geschenk.

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Ich war krank – nein, kein Corona, ein ganz normaler hartnäckiger grippaler Infekt. Darum war es ruhig hier und im Garten. Aber es hat mir wieder einmal gezeigt, was für große heilsame Kräfte in einem Garten oder einfach nur dem Anblick keimender Natur liegen. Mit den Veilchen und den Narzissen und den Blattknospen zusammen habe ich Stück für Stück meine Energie und meine Worte zurückgewonnen. Der Schnee war ein Bonus. Auf einmal lag zum Ende des März für einen Tag eine vom Himmel gefallene kühle Ruhe und ein ganz besonderer weicher, heller Zauber über allem. Ein Atemholen, ehe das große Wachsen richtig beginnt, der Chor aus Grüntönen, die Welle aus Farben, die uns mitnimmt in eine hoffentlich bald bessere Zeit. wp-1585573033104.jpg

Der Himmel und die Blüten gehen uns nicht verloren, ganz gleich was für erschreckende Geschehnisse uns gerade lähmen. Es kommt wieder eine Zeit des Aufbruchs und des Wachsens, auch für uns. Inzwischen hält die Natur die Welt um uns am Leben und bewahrt uns vor Verzweiflung.  Die meisten Blüten sind nicht erfroren unter der unvermuteten Kälte. Und manchmal birgt so eine Zwangspause ja auch ein wertvolles Geheimnis, das sich erst später zeigt. Wie das Schöne, das nach dem Tauen unter dem Schnee zum Vorschein kommt. Ein wenig gebeugt, aber durchaus lebensfähig und voller Freude.

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Geht nicht gibt’s nicht

Meine uralte Buchenhecke war mir aus diversen Gründen weit über den Kopf gewachsen. Insgesamt vier bis fünf Meter. Das kann man nur professionell schneiden lassen, mit einem Ausleger, sagten mir die verschiedenen Männer, die ich befragte.

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Aber das kam erstmal nicht in Frage, auch aus Gründen. Also sagte ich mir, selbst ist die Frau, besorgte mir ein neues Sägeblatt für den 4-Meter-Stiel und legte mit einer feinen Mischung aus Brutalität und Geschick los.

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Einen Muskelkater und vier Tage später habe ich endlich wieder Himmel, und die Blumen Licht.

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Mir hat es jedenfalls gezeigt, dass man mit manchem auch allein fertig wird, das einem weit über den Kopf gewachsen ist. Man braucht nur das richtige Werkzeug, etwas Zeit und einige Entschlossenheit. Ach ja, und sehr alte Hosen.

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Die Reste werden mich auch nicht kleinkriegen, sondern ich sie. Nach und nach. Vielleicht baue ich eine Benjeshecke.

Dickes Hühnchen

Früher mochte ich die von den Kindern gern auch als Dickes Hühnchen bezeichnete Fette Henne nicht besonders. Das hat sich gründlich geändert. Ja, sie kommt ein wenig stoisch daher und hat so gar nichts poetisch Filigranes – es sei denn, man betrachtet die wp-1581182021109.jpgBlüten mal genauer. Aber sie hat jede Menge gute Eigenschaften, und das macht sie unwiderstehlich. Vielleicht musste ich ein gewisses fortgeschrittenes Alter erreichen, um sie richtig zu würdigen.  Jetzt im Frühling ist sie eine der Ersten, die ungerührt von Grau und Kälte jenes zugewandte Wachsen in Angriff nimmt, das sich nun gehört. Zweifel kommen bei ihr gar nicht erst auf. Der Sturm ficht sie nicht an, ich glaube, sie bemerkt ihn gar nicht. Voller Optimismus zieht sie grüne Kreise. Was getan werden muss, vollzieht sie, und noch etwas mehr. Sie macht Mut. Sie ist bescheiden. Wenn man sie nicht gießt, ist es ihr schnuppe. Und auch, wie man sie nennt. Sie bleibt sie selbst. Man kann sich in vielerlei Hinsicht ein Beispiel an ihr nehmen.20190904_163229.jpg

Es gibt sie inzwischen in allen Farben des Spätsommers und Herbstes, und diese Farben glühen auch noch unbeirrt, wenn vieles andere schon aufgegeben hat. Und alles was summt und brummt liebt ihre Blüten. Ich jetzt auch. Sie darf sich in Lucys Garten gern ausbreiten. Auch wenn ich dann manchmal drumherumlaufen muss, um das ganz schön dicke Hühnchen.

Bei uns piept es

Heute bin ich zum ersten Mal in diesem Frühling von Vogelgesang aufgewacht. Ich glaube, es war das Rotkehlchen, vielleicht auch eine Amsel, begleitet von einer wp-1580659379747.jpgmunteren Hintergrundboyband aus Spatzen.

Die Amsel hat auch schon an Weihnachten gesungen, mitten in der Nacht. Das ist so hier in der Stadt, in der es niemals mehr dunkel wird.

Doch heute war es anders. Dieses Lied handelte vom Frühling. Von Beginn und Neubeginn. Von neuem Mut, neuem Licht und neuen Tagen. Von uraltem Vertrauen, dass es so kommt, wieder und wieder. Wenn wir mitmachen. Wenn wir singen. Oder einfach nur, falls man nicht singen kann, einen Moment länger im Bett liegen bleibt, verzaubert lauscht und mit den Tönen vor Freude innerlich in den graugoldrosarotfeuchtsilbermorgendämmrigen Himmel schwebt.  Weil man unfassbar glücklich ist in einer Welt leben zu dürfen, in der Vögel singen.

Der bunte Anfang

wp-1579535094058.jpgEtwas am Blumenpflücken macht den Tag leicht, vor allem wenn es mitten im Winter ist. Es ist ein bißchen wie Barfußgehen im Kopf, wie bei Morgentau im taunassen Gras herumhüpfen oder im Regen lachen – es ist eines von den ganz einfachen Dingen, die unkompliziert glücklich machen. Und noch mehr, wenn sie auch noch zu einem unerwarteten Zeitpunkt kommen.

Der erste Blumenstrauß im Jahr trägt den ganzen Frühling und Sommer in sich. Er ist das Samenkorn, in dem die gesamte Freude am kommenden Wachsen gründet. Darum darf er auch ganz klein sein.

Er ist ein auch bißchen wie ein Brief vom Garten, eine Nachricht, dass dieser nun erwacht, in aller angemessenen Ruhe.

Ich pflücke nur die Blüten, die der Wind oder die Amsel geknickt hat oder die irgendwo unter schweren Zweigen erdrückt werden.

Der Rest bleibt unter dem Himmel, unter den er gehört. Sie sollen ja auch all den anderen Keimlingen Mut machen die sich, noch unsichtbar, unter der Erde hocharbeiten. Die in der Vase aber, die schenken ihn mir – den Mut.

Eismorgen

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Es ist immer wieder aufregend, ein neues Buch zu beginnen. Die Fäden meiner Geschichte sind noch nicht ganz greifbar. Bei sonnigen vier Grad minus hängen sie immer deutlicher in der Morgendämmerung wie Spinnweben und ich versuche, sie zusammenzuklauben. Dabei hüpfe ich im Schlafanzug im Garten herum um Reifkristalle zu fotografieren. Ich sehe sie oben auf dem Gartentor im ersten Licht glänzen und beschließe, dass ein gelegentlicher Anflug von Frost auf der Seele mich in diesem Jahr niemals davon abhalten wird, ein Tor zu öffnen und einen neuen Weg zu gehen, egal wie weit ich komme.

 

 

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