Das kleine All zwischen den Geschichten

Die Zeit zwischen dem Schreiben zweier Bücher ist stets eine merkwürdig Schwerelose, eine Art Traum-Zeit. Die alten Figuren haben sich längst verabschiedet, die neuen stellen sich erst ganz langsam vor. Es ist, wie wenn man die Augen zusammenkneift um eventuelle Wesen besser sehen zu können, die aus dem Licht oder dem Schatten treten. Erst sind nur die Silhouetten ahnbar, dann die Gesichter. Irgendwann beginnen sie, ihre Geschichte zu erzählen, erst stumm, dann ganz leise, schließlich deutlicher. Das ist kein linearer Prozeß, sie tanzen mal hinein, mal hinaus aus dem Schärfebereich, spielen Verstecken hinter den Sonnenblumen, lachen aus der Ferne oder winken auffordernd um die Ecke.

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Der Garten ist ein guter Ort, um sie anzulocken, sich ihnen zu nähern, sich bekannt zu machen, ihnen zu lauschen und sich mit ihnen anzufreunden. Es gibt so viele Schätze zu sehen hier, für mich und für sie. Jeder davon erinnert uns daran, wie voll dieser Reichtümer das Leben ist.

Diese Zeit zwischen den Geschichten ist immer seltsam, als wäre der Boden weniger fest, die Tage ungenau. Diesmal dauert sie länger. Aufgrund von Corona verschoben sich Planungsgespräche und Verlagsverträge nahtlos bis zur Urlaubszeit, in der alles stillsteht und niemand da ist; Recherchereisen mussten von April auf August verlegt werden. Die Zeit wird mir später fehlen, aber dafür sprießen jetzt ungeordnete Ideen im Vakuum wie der Klee auf der Wiese. Im Gegensatz zu den Geschichten sind die Rotschwänzchen aus dem Nistkasten längst flügge. Immerhin, die Mohrrüben und Gurken sind lecker, auch die ersten dicken Tomaten reifen.

Und wenn es nach Sommer duftet und die Zeit auf geheimnisvolle Weise langsamer läuft, die ersten Grillen zirpen und ein paar selten gewordene Regentropfen im Gras funkeln, dann genügt es wohl auch einmal, die Gedanken nur wandern zu lassen, bis sie den Träumen begegnen und sich mit ihnen gemeinsam ganz ziellos auf einen Weg machen.

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Duftnot(iz)en

wp-1593157516611.jpgWenn ich jetzt in den Garten gehe, komme ich nur Schritt für Schritt  vorwärts. Überall muss ich ein Blättchen zupfen, es zwischen den Fingern zerreiben, daran schnuppern. Jeder Duft weckt andere Erinnerungen, andere Bilder. Lavendel: Die Kleider, die Oma nähte, die Seife in einer Pension in Österreich in einem lang vergangenen Sommer, weite blaue Felder im Süden, die ich nie gesehen habe.  Rosmarin: Wildbraten an der See, ein heißes Bad in einem Schneewinter. Thymian: Ferien, irgendwo an einem Berghang liegend zwischen Wildkräutern. Ananassalbei, der wirklich nach Ananas riecht, nach Obstsalat und dem durchgeweichten Kuchen mit der Gelatine darauf den es früher gab, wenn unerwartet Besuch kam. Currykraut, so herrlich silbrig und würzig. Maggikraut, Oregano und Estragon: Vaters Steaks vom Grill und die Quarksauce zu den Folienkartoffeln. Basilikum, das lernte ich erst später kennen, bei Freunden an der Uni. Weihrauch: so ganz anders, aber gut gegen Mücken. Zitronenmelisse: Sommertee. Schnittlauch, von dem man mir beibrachte man könne ihn nicht mehr essen wenn er blüht, und dessen Blüten so lecker sind, wie ich heute weiß. Petersilie – früher gehasst, aber: iß Vitamine, Kind! und unverzichtbar wenn man ein kaltes Buffet dekorieren möchte.wp-1593157531965.jpg

Und dann natürlich die Blumen. Wicken, Rosen, Levkojen, Jelängerjelieber, Vanilleblume, Klee. Flieder und Maiglöckchen sind unvergessen, aber jetzt: jetzt herrscht der Duft des Sommers! und er ist aus so vielen Farben gewebt, sichtbar und unsichtbar. Er schlägt einen Regenbogen durch alle Sinne, durch Hirn und Seele. Er schleicht sich mit dem Sonnenaufgang in den Tag, mitternachts in die Träume und sogar in eine heuschnupfenverstopfte Nase, er wandert sanft und ungeniert durch Fenster und Türen ein und zieht das Aroma reifer Erdbeeren und Pfirsiche wie ein feierlich langes Kleid hinter sich her. Später fügt er den Dreiklang von Gras-, Him- und Brombeerflecken an Händen und auf Hosen hinzu.  Wenn Trockenheit herrscht, steigt aus der Wiese eine wehmütige Heunote, wenn es regnet, riecht die Erde nach Leben pur. wp-1593157502829.jpg

Mir geht es wie den Bienen, die ins Schlingern geraten weil sie nicht wissen, welche Blüte sie zuerst anfliegen sollen. Man muss ihn auskosten, diesen Sommer, mit allen Sinnen, Nase voran, denn im Herbst wartet ein anderes, neues und nicht minder buntes Geruchskonzert.

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Bis dahin dauert er, mein Weg vom Rosmarin bis zu den Levkojen, jeden Tag wieder, und die Grasflecken auf meinen Knien lagern sich übereinander wie die Schichten auf einem Gemälde, Zeugnis des glücklichen Geschehens.

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Sonnenblätter

wp-1591359832485.jpgIch bin verliebt. In die Rose, die ich erst im letzten Sommer gepflanzt habe. Jetzt ist sie so voller Licht und Lebenskraft, dass ihr überschäumender Schwung mich trifft wie eine erfrischende Dusche und mir so viel davon abgibt. Sie kann ihre Blüten kaum tragen, doch das ist ihr egal. Sie lehnt sich an den Pfirsichbaum, an die Aster, den Mohn, das Unkaut, die Erde, was auch immer eben da ist. Sie denkt nicht daran, sich irgendwie zu beherrschen oder einzuschränken, warum auch? Es muss nicht alles gerade und ordentlich stehen. Sie ist ein Schwall, ist pure Überzeugung, sie meint es voller Heiterkeit durch und durch ernst mit dem, was sie tut. Wachsen. Blühen. Duften. Was für ein Duft! Ich brauche nur vorbeigehen, und dieser Duft haftet an mir wie alte Erinnerungen, kostbar, herbsüß, flüchtig und ewig zugleich.

wp-1591359873586.jpgSo möchte ich schreiben können, so, wie sie ist. Sie macht mich größenwahnsinnig, und sie macht, dass ich mich in den langersehnten Regen lege, auf dem Rücken ins Gras, und unter dem sanften Tröpfeln zu ihr aufsehe, bis wir beide nass sind von silberglänzenden Tropfperlen.

Das tiefe Gelb ihrer Knospen, purer Sonnenschein, hellt sich gemächlich zu cremefarben auf, bevor sie umblättert, bevor die Blütenblätter sich aus der Mitte lösen.  Wenn sie fallen, liegen sie wie der Sommer selbst auf allem, Konfetti zu Ehren der Tage, die wir leben, er-leben dürfen. Der Wind trägt sie weit. Ihre Farbe und der Überschwang tragen mich.

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Glück. Immer wieder.

wp-1586758640547.jpgJeder einzelne Tag ist nun eine Wundertüte. Jeden Morgen, wenn ich den Garten betrete, entdecke ich Freunde, die alt und neu zugleich sind. Zarte elfengleiche Wesen wie die Forellenlilie und die Schachbrettblume, die sich aus der noch kühlen Erde erheben, die Blätter vom Vorjahr beiseite schieben und sich in ihrer eigenen Vollendung entfalten.

Jedes Mal stehe ich wieder fassungslos davor, wie es so etwas geben kann, und dass es immer wiederkehrt, zusammen mit dem Licht und der Wärme und dem Neubeginn. Und dass ich dabeisein darf.

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Vergessichnicht

wp-1586968281577.jpgDas wie vom Himmel gefallene Blau der Vergissmeinnicht gehört zu den ersten Wundern, an die ich mich aus meiner Kindheit im Garten erinnern kann. Es zeigte mir, dass der Himmel erreichbar und manchmal ganz erdnahe ist. Obendrein hatte jede winzige Blüte einen freundlichen gelben, beinahe goldenen Kern. Sie waren so winzig, dass man sehr genau hinsehen musste, um ihn zu sehen. So lernte ich, nach dem Kleinen, Inneren zu suchen.

Ein Garten ohne Vergissmeinnicht ist für mich unvorstellbar. Zum Glück säen sie sich selbst aus. Sie sind so bescheiden, dass man sich noch nicht einmal um sie kümmern muss. Sie suchen sich ihren Platz selbst, man muss sie nur gewähren lassen.

Und wenn sie sich öffnen und mich morgens anlächeln, dann weiß ich, es ist Frühling und alles ist Himmelblau und möglich, wenn man das Helle in der Mitte nicht übersieht.

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Wenn Sterne niesen

Im Frühjahr finden sich manchmal an merkwürdigen Stellen mitten in der Landschaft oder an Bäumen glitzernde geleeartige Klumpen. Weil sie wirken wie vom Himmel gefallen und man nicht wusste, woher sie kommen, nannte man sie „Sternenrotz.“ Vielleicht in der Annahme, dass etwas vom allergenen Blütenpollen mit der Wärme viel höher steigt als wir ahnen.

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Inzwischen weiß man, dass diese geheimnisvolle Masse entsteht, wenn Greifvögel laichreife Frösche erbeuten.

Aber heute im Garten blieb ich lieber bei der Vorstellung, man könnte in einer stillen Frühlingsnacht aufmerksam lauschen und schließlich ganz leise hören, wie sich irgendwo da oben in der Dämmerung ein Stern ins Universum schnäuzt.

 

An-Blick

Es gibt unzählige Iris-Sorten, deren Namen ich mir nie merken kann. Auch von den Zwerg-Iris geistern diverse durch den Garten. Sie blühen häufig schon im Februar, und jedes Mal stehe ich verblüfft davor. Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse passen iwp-1581783442841.jpgn diese Jahreszeit, aber die beinahe unverschämt extravagante, knallbunte Blüte der Iris eben noch nicht. Für einen Moment frage ich mich unwillkürlich: Gehört sich das denn? So vorzupreschen? Die Euphorie des Sommers dermaßen vorwegzunehmen, ehe ähnliche Blumen nach dem Winter überhaupt das erste Mal gegähnt haben? Und ich mit der Gartenarbeit auch nur ernsthaft begonnen habe?

Sie stammt eigentlich aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht liegt es daran. Aber sie akzeptiert unsere Winter einfach. Auch die richtigen, die mit Schnee. Sie nimmt widerspruchslos die Bedingungen an, die sie vorfindet und macht nicht nur das Beste daraus, sondern noch eine ganze Menge mehr. Punkte hier, Striche dort, Knallgelb auf alle Blau- und Violettschattierungen geknallt, das Röckchen elegant gehoben, perfekte Körperspannung. Völlig ohne Wecker, Kaffee und Aufschieberitis steht sie am frostigen Morgen aufrecht im Wind unter Wolken. Restlos bereit für den zerbrechlichen Tanz, der Leben heißt.

Ich sehe sie immer erst, wenn sich die Blüten geöffnet haben, so wenig Aufhebens macht sie um sich. Und wenn sie mich dann so unversehens ansieht, gänzlich ausgeschlafen, und mir diese Farben auffordernd zu Füßen legt, dann ist es wie der erste Augenaufschlag des Frühlings.

Wie soll man da nicht verlieben? Jedes Jahr neu. In diesen Blick. In den Neubeginn. In das Sein.

Gänslich glücklich

0017c.jpgMit Gänseblümchen fängt alles an. Die Kindheit. Der Frühling. Das einfache Glück. Und auch das fortgeschrittene.

Es gibt kaum ein freundlicheres, optimistischeres, bescheideneres Pflänzchen. Es verlangt wp-1581181884015.jpgnur, dass man gelegentlich mäht – oder beweiden lässt – denn im hohen Gras kann es sich nicht behaupten. Es braucht Licht und Luft und Freiheit, wie wir alle. Dafür verzeiht es gern, wenn man mit dem Kaffetablett darüberläuft. Oder darauf Federball spielt.

Das Gänseblümchen ist die perfekte Blüte. Mitte, Blütenblätter, fertig. Kein Gedöns. Kein Schnickschnack. Kein Chic, keine Rüschen, keine Farben, kein Luxus. Es ist einfach es selbst. Die Blume schlechthin. Es genügt, genau so zu sein. Mancher von uns braucht ein Leben lang, um das zu lernen. Mache wagen es nie. Und andere wieder kennen es gar nicht anders.

Das Gänseblümchen ist auch eine Lebensentscheidung. Darf es in meinem Garten wachsen? Rücke ich ihm sofort mit einem Messer oder Chemie zu Leibe? Oder heiße ich es willkommen, betrachte es mit Glück und Kameradschaft und laufe barfuss in seinem Reich? Lege ich mich an einem Sommernachmittag zu ihm, genieße sein Lächeln auf Augehöhe und weiß, dass dies genau das ist, worum es im Leben geht?

Ein Gänseblümchen ist schlichte Wahrheit. Des Pudels, oder vielmehr des Glückes Kern. Jedenfalls das perfekte Bild dafür. Finde ich.

Ich liebe all die vielen verschiedenen Blumen in meinem Garten. Die wilden, die versehentlichen, die zufälligen, die zuviel gepflanzten und die mühsam gezogenen. Aber wenn ich nur ein kleines Stückchen Gras mit Gänseblümchen hätte, dann wäre es auch genug.

 

Spot an

Es überrascht mich jedes Jahr wieder, was mir zeigt, wie schnell man es vergißt. Wenn die Sonne ganz tief steht, und auch davor und danach, wenn sie ganz langsam an wp-1577883665462.jpgHöhe verliert und dann wieder gewinnt, dann zaubert sie aus dem Hut, was gerade zur hellsten Jahresteit im Schatten lag. Auf einmal findet ein Lichtstrahl einen Weg unter ein Dach oder einen Baum und entdeckt eine Deko, die den ganzen Sommer unsichtbar an der Wand in einem Winkel hing. Und mit ihr einen lieben Gedanken oder eine Erinnerung, fast vergessen. Oder eine späte Blüte, vorher nie beachtet. Einen frühen Schmetterling, der gerade erwacht. Auf einmal glänzt etwas hell und unübersehbar an Stellen, die man immer wieder aus dem Blick verliert.

Die kurzen Tage sind gut zum Ausruhen, für Mensch und Natur. Aber sie eröffnen nebenbei ganz andere Räume. Sie fordern auch zum Hinsehen auf, zum Aufschließen, zum Begreifen.

Die dunkle Jahreszeit ist gar nicht dunkel. Sie wirft nur andere Schlaglichter.

Aufbauend

Backsteine sind etwas Großartiges. Diese stammen zum Teil mindestens von 1904, aus dem Garten meiner Kindheit, und haben nun den Weg in Lucys wp-1581182053241.jpgGarten gefunden. Ich werde damit ein Beet einfassen. Oder eine Bank bauen oder eine Treppe. Eine Stützmauer oder eine Trockenmauer. Einen Brunnen, einen Weg, eine Säule oder eine Halterung für eine Kübelpflanze.  Ich habe viele Sorten Backsteine und andere Steine, aber niemals genug. Immer wieder gestalte ich damit etwas im Garten um. Die Möglichkeiten sind unendlich. Ich habe früher schon gerne mit Bauklötzen gespielt. Damals waren es Burgen und Schlösser, die ich entwarf.  Da wusste ich noch nicht, dass ein Garten, egal wie klein, viel wunderbarer ist als ein Schloß, und auf jeden Fall reicher macht. Im Garten bin ich immer fünf Jahre alt und Prinzessin, mit schmutzigen Knien, Strohhut und Gärtnerschürze – und in meinem blumigen Reich ist jedes Gänseblümchen immer noch märchenhaft.

Und es macht riesigen Spaß, dort mit den steinernen Bauklötzen herumzuprobieren. Es kommt immer eine Überraschung dabei heraus.