Blütenalbum

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Wenn der Flieder blüht und ich diesen Duft rieche, dann öffnet sich in mir ein ganzes Erinnerungsalbum. Ich sehe meinen Vater mit dem ersten Strauß, im Garten selbst geschnitten, jedes Jahr im Mai.  Stolz wie Bolle kommt er die Treppe herauf, trägt den Dreck an seinen Schuhen vom Komposthaufen, hinter dem der Flieder nämlich wächst, durch die gesamte Wohnung und überreicht die Zweige meiner Mutter. Sie nimmt die Dungkrümel und Blütenkonfetti auf dem Teppich  in Kauf, weil sie meinen Vater liebt, sagt nichts sondern stellt den Strauß in eine Vase, immer dieselbe, die kugelige Fliedervase, die die Blüten in ihrer Glasur spiegelt und den Himmel draußen auch. „Wenn er mal nicht mehr da ist, werde ich sogar den Dreck im Wohnzimmer vermissen“, sagt Mutter zu mir. Damit behielt sie recht.

Mein Vater geht, wenn er nachdenkt, und das ist meist, immer um den Tisch im großen Eßzimmer, in Pantoffeln jetzt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ich bin noch klein, aber ich mache es ihm nach, folge ihm, die Hände ebenso auf dem Rücken verschränkt und mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, versuche ich jedenfalls. Er entwickelt in Gedanken eine Mondstation, ich überlege ob es wohl Waschbären auf der Venus gibt. Meine Mutter kringelt sich vor Lachen, wenn sie uns sieht. Auf jeder Runde bleiben wir stehen und schnuppern am Flieder. Wir wissen, die Blüten halten nicht lange in der Vase, der Duft schon gar nicht,wir müssen es genießen, solange er gilt.  Für mich markiert er den Beginn des Sommers, der langen Tage und des Barfußgehens. Bis mein Vater mit zunehmendem Alter seinen Geruchssinn verliert und keine Sträuße mehr schneidet, und irgendwann auch seine Schritte nicht mehr auf dem Parkett knarzen.

Doch der Geruch des Flieders macht meinen Vater jedes Jahr lebendig, und immer noch gilt, dass dann der Sommer beginnt, mit all dem unvergänglichen kindlichen kostbaren Glück, das in ihm liegt: Barfußgehen, Eis essen, in der Erde wühlen, den Kaulquappen zusehen, Vogeleierschalen betrachten, die Nase in Blüten stecken.

Der Flieder und sein Duft erinnern mich in jedem Frühling daran, wie voller Geschenke das Leben ist, die, so flüchtig sie sein mögen,  ein unvergängliches Funkeln hinterlassen.

Zitronerie

Als ich ein Kind war gab es in manchen Schlössern, die wir besichtigten, und auch in einigen Büchern „Orangerien“. Das klang geheimnisvoll. So exotisch und grandios, nach Marmorbrunnen und Kolibris. Ein Wort mit einem Duft und einem Traum und einem Abenteuer darin. Ich dachte, es müsste schön sein, eine Orangerie zu besitzen.

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Heute habe ich einen mit Geräten vollgestopften Gartenschuppen mit einem Plexiglasdach und einem Frostwächter. Orangen gedeihen aus unerfindlichen Gründen nicht besonders gut bei mir, aber umso mehr die Zitronen. Im Sommer draußen, im Winter zwischen Hacken, Stuhlkissen, Düngerpackungen und Gartenschläuchen. Wenn ich bei Schnee und Frost Zitronensaft möchte, gehe ich pflücken und erfreue mich an dem Duft. Mein Traum ist damit durchaus in Erfüllung gegangen, völlig grandios genug auch ohne Marmorbrunnen und Kolibris. Abenteuer suche ich nicht mehr, mein Garten ist immer eines. Und manchmal wird eine Orangerie eben eine Zitronerie. Das ist gut so.