Dickes Hühnchen

Früher mochte ich die von den Kindern gern auch als Dickes Hühnchen bezeichnete Fette Henne nicht besonders. Das hat sich gründlich geändert. Ja, sie kommt ein wenig stoisch daher und hat so gar nichts poetisch Filigranes – es sei denn, man betrachtet die wp-1581182021109.jpgBlüten mal genauer. Aber sie hat jede Menge gute Eigenschaften, und das macht sie unwiderstehlich. Vielleicht musste ich ein gewisses fortgeschrittenes Alter erreichen, um sie richtig zu würdigen.  Jetzt im Frühling ist sie eine der Ersten, die ungerührt von Grau und Kälte jenes zugewandte Wachsen in Angriff nimmt, das sich nun gehört. Zweifel kommen bei ihr gar nicht erst auf. Der Sturm ficht sie nicht an, ich glaube, sie bemerkt ihn gar nicht. Voller Optimismus zieht sie grüne Kreise. Was getan werden muss, vollzieht sie, und noch etwas mehr. Sie macht Mut. Sie ist bescheiden. Wenn man sie nicht gießt, ist es ihr schnuppe. Und auch, wie man sie nennt. Sie bleibt sie selbst. Man kann sich in vielerlei Hinsicht ein Beispiel an ihr nehmen.20190904_163229.jpg

Es gibt sie inzwischen in allen Farben des Spätsommers und Herbstes, und diese Farben glühen auch noch unbeirrt, wenn vieles andere schon aufgegeben hat. Und alles was summt und brummt liebt ihre Blüten. Ich jetzt auch. Sie darf sich in Lucys Garten gern ausbreiten. Auch wenn ich dann manchmal drumherumlaufen muss, um das ganz schön dicke Hühnchen.

Mehr Sein als Schein

Ich habe den Sommerflieder gründlich heruntergeschnitten, wie sich das im Februar gehört. So etwas kostet immer ein bisschen Überwindung. Es fühlt sich so brutal an. Aber es muss sein. Und dann stehe ich ehrfurchtsvoll davor und denke, was für ein unvorstellbares Wunder wp-1581182205338.jpges jedes Jahr wieder ist – dass aus diesen kahlen Ästen, in denen man kaum noch Leben vermuten würde, bald so viel Grün unaufhaltsam zum Himmel strebt. Dass in wenigen Monaten ein riesiger, duftender Blütenstrauß hier stehen wird, in dem sich Bienen und Falter drängen.

Es zeigt mal wieder, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte, schon gar nicht aufgrund von äußeren Eindrücken.

Und ja, ein bißchen Feinschliff braucht der Schnitt noch. Aber dafür war es zu windig heute.

Zitronerie

Als ich ein Kind war gab es in manchen Schlössern, die wir besichtigten, und auch in einigen Büchern „Orangerien“. Das klang geheimnisvoll. So exotisch und grandios, nach Marmorbrunnen und Kolibris. Ein Wort mit einem Duft und einem Traum und einem Abenteuer darin. Ich dachte, es müsste schön sein, eine Orangerie zu besitzen.

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Heute habe ich einen mit Geräten vollgestopften Gartenschuppen mit einem Plexiglasdach und einem Frostwächter. Orangen gedeihen aus unerfindlichen Gründen nicht besonders gut bei mir, aber umso mehr die Zitronen. Im Sommer draußen, im Winter zwischen Hacken, Stuhlkissen, Düngerpackungen und Gartenschläuchen. Wenn ich bei Schnee und Frost Zitronensaft möchte, gehe ich pflücken und erfreue mich an dem Duft. Mein Traum ist damit durchaus in Erfüllung gegangen, völlig grandios genug auch ohne Marmorbrunnen und Kolibris. Abenteuer suche ich nicht mehr, mein Garten ist immer eines. Und manchmal wird eine Orangerie eben eine Zitronerie. Das ist gut so.