Dunkle Geheimnisse

Noch sind die Nächte kalt. Doch wenn man nach Sonnenuntergang in einer warmen Jacke durch Lucys Garten spaziert, liegt schon eine Ahnung von Sommerabenden darin. Ähnlich wie der Vorgeschmack auf der Zunge, wenn man das Etikett von Lieblingsbonbons im Regal entdeckt. Denn im Dunkeln streuen die Solarlichter mit dem gesammelten Licht des Tages einen stillen Zauber über alles. Pflanzen, die noch klein sind, werfen lange Schatten, zeichnen Bilder auf die Steine und erzählen von dem, was kommt. Im Amselnest wispert es und auch am Teich – eine Maus, ein Igel, ein Frosch? Die Nacht gibt ihre Geheimnisse nicht preis, aber sie sind gegenwärtig, unsichtbar wie ein Segen, zart wie ein Versprechen. Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und zu lauschen, zu schauen, und sich in den Moment fallenzulassen. Die Kälte ist dann wie ausgelöscht für eben diesen Moment. Wunder wärmen, und die echten Märchen sind so sichtbar, wenn man möchte.

Richtungsweisend

Sorgenvolle Zeiten gibt es immer wieder, gerade sind sie sehr gegenwärtig. Für den Einzelnen, jeder in seiner Geschichte verstrickt. Ebeso für uns alle gemeinsam, die uns die Welt teilen. Wer weiß schon, was richtig ist, was wenigstens am besten? Manchmal fällt es schwer, überhaupt aufzustehen und allem zu begegnen, was da wartet und kommt.

Aber dann blüht vor dem Fenster eine Narzisse. Ein Schmetterling fliegt vorüber, noch klamm, aber entschlossen. Hier öffnet sich eine Primel, dort eine Tulpe in übermütigen Farben als zähle nur das. Der Pfirsichbaum ist voller Knospen. Auf der Straße an den Baumscheiben reckt sich fast schon der erste Löwenzahn, verspricht Pusteblumen. Gänseblümchen und Rosen, Äpfel und Goldlack, Veilchen und Rittersporn tauchen auf. Manche zeigen erst kleine grüne Triebe, andere stehen schon in voller Blüte. Alle haben eines gemeinsam: Egal wieviel Kälte, Wind und Regen über sie hinweggefegt sind, sie streben aufwärts, sehen zum Himmel. Draußen geht nichts abwärts, nur vorwärts und aufwärts und weiter. Immer wieder Farben, immer wieder aufstehen, immer wieder wachsen.

An diesem kalten, windigen, oft grauen Apriltag begleite ich einen lieben Menschen durch eine beglückende Landschaft und spüre, wie dieses neue Grün mich mit seiner Energie ansteckt, mit seiner Hoffnung, seinem unerschütterlichen Plan. Wie der Duft der erwachenden Erde mich erfüllt und auch die helle Ahnung, dass neben all dem Schweren sehr vieles von dem, was kommt, gut sein wird, sogar ein Wunder. Man darf nur nicht zu anspruchsvoll sein bei den Wundern, muss man auch nicht, denn ein Wunder ist ein Wunder, es ist immer groß, egal wie klein es aussieht. Sonst wäre es ja keins. Ich habe gestern viele gesehen, in einem Wald voller Farnen und Buschwindröschen und verschlafenen Fröschen und verliebten Enten, an stillen und an flüsternden Gewässern. Und wenn ich heute durch Lucys Garten gehe, dann begegnen mir viele, die gestern noch nicht da waren, obwohl es noch immer kalt und grau ist. Nächste Woche sehen wir die Sonne wieder. Sie ist ja anwesend, hinter den Wolken, die Tulpen und Narzissen und Veilchen zweifeln keinen Augenblick daran, sie wachsen ihr einfach schon mal entgegen, bis sie sie sehen können.

Doch, es geht! Da draußen finden wir unweigerlich Trost und Mut, daruf ist Verlass, immer. Wir gehören doch dazu, zu diesen filigranen , anpassungsfähigen, hoffnungsvollen Lebewesen, wir sind eins mit ihnen, auch wenn wir es oft vergessen. Wir können das auch. Und es ist ein Anfang, sich unter sie zu begeben und von ihnen zu lernen und Stärke aus ihrer Schönheit zu schöpfen. Und wenn wir es gemeinsam tun, dann geht es noch besser.

Späte Träume oder: Der geheime Garten 2.0

Der Kinderbuchklassiker „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett war eines meiner ersten Lieblingsbücher, wenn nicht das Lieblingsbuch überhaupt. In diesem Buch findet die kleine Heldin einen vergessenen, verlassenen Garten, der von einer Mauer umgeben ist. Ich träumte damals prompt davon, auch einen solchen für mich zu haben. Ummauerte Gärten, ein „walled garden“ sind in England Tradition: ein kleineres Stück Garten, ummauert und darum windgeschützt. Es gab Bücher mit Bildern solcher Gärten, die ich mir gern ansah und in Gedanken bepflanzte. Mit Weinstöcken zuallererst, nicht wegen der Trauben, sondern weil ich die Atmosphäre mochte, die sie schufen, und ihr Aussehen, wie sie knorrig die Mauern eroberten.

Meine Eltern hatten außerdem ein Faible für alte Burgen, Schlösser und Kloster, so dass wir in den Ferien viele davon besichtigten. Jedes Mal hatten die Klostergärten und Innenhöfe innerhalb von Mauern einen besonderen Reiz für mich. Etwas daran sprach etwas in mir an und ließ mich nicht los, ohne dass ich je wusste, warum eigentlich. Doch für manche Träume gibt es nicht nur keinen ersichtlichen Grund sondern auch einfach keine Gelegenheit, sie umzusetzen.

Ich liebe meinen Garten so, wie er ist. Er ist nicht groß, aber er wirkt ziemlich offen, mit einer lockeren Hecke auf einer und relativ durchlässigen Zäunen auf den anderen Seiten. Der Wind macht darin, was er will, und das soll er auch sehr gern, denn ich bin sehr mit ihm befreundet. Und er muss mir auch noch Geschichten erzählen, die ich schreiben möchte.

Doch dann war ich auf Recherche im Oderbruch. Dort gab es einen alten Hof, dessen geschützte, sonnenwarme Backsteinwände von alten Weinstöcken überwuchert waren. Meine alte Sehnsucht fiel mir ein und die Tatsache, dass es vorn auf meinem Grundstück noch einen Raum abseits vom Haus gibt, etwas breiter als eine Garage. Das Dach war undicht, schon immer. Es widerstand allen Reparaturversuchen. Und da hier einst jemand alles Unbrauchbare aufhob, war dieser Raum bis zum Dach voll vergammelnden Gerümpels, Sedimente von Jahrzehnten. Es lag mir schon lange auf der Seele, mich darum zu kümmern.

In diesem Jahr nun war die Zeit gekommen. Zeit für einen neuen, alten Traum, der aus irgendeinem Grunde nie seinen Reiz verloren hatte. Ich fand einen netten Betrieb, der mitten im eisigen Februar alles abfuhr, mitsamt der Belastung und schlechten Erinnerungen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig und befreiend es ist, die Vergangenheit äußerlich wie innerlich aufzuräumen und Ballast abzuwerfen. Da für mich der Baumarkt pandemiebedingt unzugänglich war, besorgte Herr J. mittels seines Gewerbescheins den Farbton, um den ich ihn bat, strich die Wände und riss danach das Dach ab. Bis auf die Streben, denn daran sollen, wie bei einem Laubengang, Pflanzen ranken, so dass ihr lebendiger Schatten einmal Bilder auf den Boden malen kann.

Der Boden besteht aus Beton mit einem Gulli, über den das Wasser abfließt. Einfach Rasen säen und Beete anlegen ging also nicht. Ich entschloß mich, einen Holzfußboden mit Drainage darunter zu verlegen und dann geeignete Weinstöcke, Rosen, Zwergobstbäume und Kiwis in große Kübel zu pflanzen. Die Pflanzen sind nun das Einzige, was noch fehlt. Doch da dies ein Blog über Werden, Wachsen und Gestalten ist, möchte ich euch schon einmal teilhaben lassen und dann später berichten, ob etwas wächst, und was, und wie. Jetzt schon hat aber dieser kleine geschützte Rückzugsort einen besonderen Zauber für mich, auch wenn er dicht an der Straße liegt. Vielleicht werde ich dort schreiben. Vielleicht nur Träumen oder mit lieben Freunden Tee trinken. Man kann die Sterne und den Mond von dort sehen, die rosa Morgen- und die rötlichen Abendwolken.

Gute Fotos machen kann man dort in dem engen Bereich nur mit einem guten Weitwinkel. Ich weiß auch schon, wer das kann – dann, wenn der Traum gewachsen und die Pflanzen sich eingefunden haben.

Bis dahin nur ein Eindruck davon, dass manche kleinen, scheinbar unwichtigen Träume sich irgendwie durch Jahrzehnte retten können, bis ihre Zeit gekommen ist.

Fühlern

Nein, das ist kein Rechtschreibfehler. Dieser Tage sehe ich die Bienen und so viele andere, teils noch ein wenig verschlafene Insekten in Lucys Garten und überall drumherum. Ich genieße ihre hoffnungsfrohe Gesellschaft und ich sehe, wie sie ihre beneidenswert beweglichen langen Fühler in diese zarte, farbendurchtränkte Welt strecken, so weit in alle Richtungen, begierig nach Licht und Aromen und ihren jeweils eigenen Frühlingsplänen. Mir ist genauso zumute, und auch wenn unsere Fühler anders aussehen, wir besitzen sie auch! Also: Schuhe aus, und das erste Mal barfuß durch den Garten in diesem Jahr. Und dann fühle(r)n.

Das Fühlern ist so neu wie damals in der Kindheit, jedes Jahr wieder, auch nach sechundfünzig Jahren. Das junge Gras. Sonnenwarmes Holz, schattenkühles Holz. Kies und Steine. Kleine Äste. Moos und Klee. Trockener Sand und feuchte, fruchtbare Erde, deren Duft aufsteigt, wenn man sie berührt. Eine Fülle von Wahrnehmung unter den nackten Solen, die noch so empfindlich sind jetzt nach dem langen Winter. Doch diese Empfindsamkeit macht hellwach, und der Hautkontakt zum Boden, zu unserem Planeten, beglückt ganz unmittelbar. Abends werde ich irgendwann versuchen, die Erdspuren abzuwaschen und es wird ein Rest bleiben, der sich nicht entfernen lässt, weil unsere Haut und die der Erde einander doch so nahe und ähnlich sind, wenn man es nur nicht vergißt und auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Diese Tatsachen sind doch im Grunde so einfach und so groß und so mehr als ausreichend. Das sehe ich im Gesicht jeder sich öffnenden Blüte.

Die pure Lebensenergie fließt von der Wiese, die gerade zu grünen beginnt, durch die Fußsohlen in mich hinein. Das ist so viel mehr als irgendein Fitnesstraining oder Entertainment. Das fühlt sich ganz und vollkommen und sowas von richtig an und ich finde, Barfußgehen im Frühling müsste ganz oben auf die Liste der schönsten Lebensereignisse. Dass wir fühlen können, ist ein Geschenk, aber das hier, in diesem Moment, an einem solchen Tag – da ist es eben mehr als Fühlen, da ist es Fühlern, dann können wir alle Sinne so weit und beweglich strecken wie die Insekten.

Dazu vielleicht noch das erste Eis am Stiel. Und wenn man diese ganze Glückseligkeit dann auch noch mit einem lieben Menschen teilen darf, der das Fühlern nicht nur versteht sondern ähnlich empfindet, dann ist es ohne Worte, dann ist es nur noch wie ein perfekt gelungenes Bild, voller zauberhafter Farben, Vogelmusik, Gerüchen und Geschmack und alten und neuen Erinnerungen, zeitlos und unzerstörbar.

Fühlern, das geht immer, auch in schweren Zeiten, sofern es nur die Gesundheit zulässt. Also, raus ins Grüne, und Schuhe aus, Leute!

Und frohe, gesunde und zuversichtliche Ostern! Es ist ein Fest der Erneuerung und Hoffnung für alle, egal welchen Glaubens oder ob ohne Glauben. Die Natur macht es uns vor. Und es gilt auch in diesem Jahr. Darum zünde ich euch noch eine Osterkerze an.

Rezept für schwere Zeiten: Bilderglück.

Wenn Ihr meine Geschichten kennt, dann wißt Ihr, dass mich die Landschaften und ihre Lebewesen inspirieren, ihre Schönheit, ihr Zauber, und das, was sie uns geben. Trost, Hoffnung, Freude, Glück, Heilung. Ich versuche es mit Worten einzufangen, doch noch besser geht das mit Bildern. Deswegen möchte ich Euch eine Seite wärmstens empfehlen, auf der man in diese Landschaften – auch die aus meinen Geschichten, wie z.B. den Spreewald – und ihre Magie nicht nur sofort eintauchen und von dem Anblick glücklich werden kann. Man kann Bilder, die etwas in einem zum Klingen bringen und hell machen, auch in allen Größen und Formen für das Zuhause erwerben. Wenn es draußen grau ist wie heute, dann gehe ich da stöbern, und allein vom Anblick geht es mir schon besser. Also, viel Freude dabei!

Und hier geht es entlang (Klick aufs Bild):

Wanderungen mit Hut

Nachdem die alte Zeder gefällt werden musste, diente ihr Stamm lange als Sitzgelegenheit. Mittlerweile wird er allmählich zu Erde, wie es sich gehört. Die Wildbienen sind lieber in die natürlichen Löcher im Holz gezogen als in das Insektenhaus, auch wie es sich gehört. Die letzten Tage lag Schnee darauf, den die Sonne nun sanft fortgeschoben hat. Darunter richtet sich eine tapfere kleine Gesellschaft den Hut und reckt sich. Sie spielt eine große und wichtige Rolle bei diesem natürlich Recycling, bei dem Alt in neue Nährstoffe verwandelt wird.

Aber ich kann nicht anders – ich sehe sie munter aufbrechen, eine Völkerwanderung heiterer Wesen , die aussieht, als mache sie sich auf den Weg in das Insektenhaus. Ich sehe sie einen Ball feiern, einen Tanz in den März, eine frühlingstrunkene Polonaise. Je länger ich hinsehe, desto mehr und fröhlicher bewegen sie sich.

Meine liebe, sehr geschätzte Lektorin würde solche Phantasien streng aus meinen Romanen streichen, sollten sie dort hineingeraten. Sie hat eine Allergie gegen alles Kindliche und findet, das steht Erwachsenen nicht zu. Ich sehe das ganz anders, und außerdem: wie soll man im Frühling nicht zum Kind werden, und vor allem – warum nicht? Im Roman darf ich es nicht, im Garten aber unbedingt. Im Garten bin ich ja Lucy.

Als ich neulich auf der Suche nach einem Pseudonym war, meinte meine liebe, sehr geschätzte Agentin, dass Lucy nicht ginge, weil es zu jung klänge. In der Welt der Bücher also darf ich nicht Lucy sein. Im Garten aber schon, ganz ungeniert. Im Garten darf ich alles. Da nehmen mich die Pilze bei der Hand, leihen mir einen Hut und lassen mich mit ihnen tanzen und das Holz schmecken. Dort bleibt der Löwenzahn dick und gelb und honigduftend im Beet stehen bis ich Pusteblumen pusten kann, und da knie ich im Schlamm, um Seifenblasen zu fotografieren, mit denen ich den Himmel fangen und die Welt auf den Kopf stellen kann. Da lege ich mich auf Augenhöhe zu den Bienen, um den Glanz auf ihren Flügeln zu sehen und freue mich wie ein Itsch über den ersten Zitronenfalter, der verschlafen und so sonnensüchtig wie ich über mir durch das Goldhimmelsilberrosablau torkelt.

Heute bin ich fünf Jahre alt, und morgen wahrscheinlich auch, und es kann durchaus bis zum Herbst und den bunten Blättern dauern oder auch bis der Schneemann wiederkommt, der gerade geschmolzen ist. Es ist gut so, und wenn irgendjemand sich herausnimmt, etwas anderes zu behaupten, dann werden sich die kleinen Pilze schützend um mich versammeln und denjenigen herzlich auslachen.

Die Stille vor dem Grün

Jetzt ist der lange, tiefe Schnee doch noch noch gekommen, mitsamt ungewöhnlicher Kälte, die bis ins Innerste erfrischt, wenn man ihr entgegengeht. Ein großes Anhalten des Atems, bevor die grüne Welle über das Land rollt und Blüten mit dem Wind tanzen.

Ich bin barfuß durch den Pulverschnee gelaufen, habe Arme und Gesicht darin gewaschen bis es kribbelte, und später dann stehe ich auf dem Feld und bade in der Stille. Die ist so dick ist wie die Schneeschicht und so beglückend, weil man sich innerlich hineinfallen lassen kann wie in eine Hängematte, und sie alles auffängt und weich und ruhig macht.

Die unfassbar zahllosen winzigen Sterne, die so stetig vom Himmel rieseln – und kein einziger ist wie der andere – ein Wunder, vor dem ich mit Ehrfurcht und Fassungslosigkeit stehe, immer wieder. Das Trommeln eines Spechts und das Rufen der Kraniche sind die alleinigen Klänge in dieser verzauberten Welt. Die Kraniche fliegen unsichtbar über den fallenden Flocken, ich weiß nicht ob nach Norden oder Süden, und ich lausche ihnen lange nach. Die Flocken fallen und fallen, die Zeit steht still, und alles fällt von mir ab.

Zuhause in Lucys Garten stehen die grünen Spitzen aufrecht im Weiß, warm gebettet, und warten geduldig und unbeirrt auf ihren Einsatz, während sich die Erde wohlig unter ihrer filigranen Sternendecke dehnt.

Ruhige Gewißheit

Über Nacht hat sich ein Zauber über den Garten gelegt, hier der erste richtige Schnee in diesem Winter. Der Morgen schleicht sich langsam über den Horizont und staunt. Dieses kühle, weiche, leichte Gewand, glitzernd im ersten Licht, erinnert uns daran, dass Winter die Zeit der Ruhe ist, der Regeneration, des Innehaltens. Die Pflanzen tun das, weil sie das so benötigen. Uns geht es ebenso, wir vergessen das viel zu schnell in unserer Ungeduld, dass der Frühling kommen möge, am liebsten gestern. Doch was wäre ein Frühling, der nicht aus einem Winter geboren wird? Wir können uns ruhig daran erfeuen. Denn unter all der starren Kälte und der scheinbaren Kahlheit von Strauch und Baum ist ja alles am Werke, wonach wir uns sehnen. Längst arbeiten die Wurzeln in der Erde, greifen nach neuem Leben, schuften Kleinstlebewesen um alles fruchtbar zu machen, formen sich Schößlinge und Blütenblätter, pumpt die Rinde Wasser und recken sich Knospen zum Licht. Darauf können wir uns auch in den dunkelsten Stunden verlassen, dessen können wir uns immer gewiß sein. Es wirkt und werkelt da draußen, Tag und Nacht, und alles kommt zu seiner Zeit.

Bis dahin gibt es genug, was uns Mut macht. Die Winterblüher sind unermüdlich, Winterjasmin und Schneeblüte, Duftschneeball und Christrose. Längst blühen auch schon Zaubernuss, Erlen, die Haselnüsse und die Schneeglöckchen, hier und da Winterlinge oder die ganz frühen Narzissen. Alles andere schiebt grüne Finger durch den Schnee und meldet: Hier bin ich schon, ich verpacke nur noch die Geschenke!

Und wer sich selbst sofort ein Geschenk machen möchte, der kann einmal barfuß auf den Balkon treten oder durch den Garten laufen, denn hinterher kribbeln die Füße noch lange und man fühlt sich wach und neu als wäre doch schon Frühling.

Lichtfischer

Januar. Graue Tage, kalte Tage, Tage, die für uns alle gerade schwer sind. Doch auch an solchen Tagen gibt es Helles. Eine kleine Seifenblase und der Blick hindurch machen kleine Wunder größer. Sie fängt das Licht ein, von dem man gar nicht bemerkt hat, dass es da ist. Sie fischt Farben aus dem Grau und lässt sie intensiver leuchten. Sie macht etwas rund, vielleicht auch die Gedanken, und vor allem die Hoffnung. Sie könnte platzen, aber sie tut es nicht, noch nicht, sie hält und hält, auch wenn sie ein wenig im Wind zittert, und zeigt uns was Stärke ist. Und wenn ihre Zeit dann doch gekommen ist, hinterlässt sie einen Schimmer, der uns viel zu sagen hat und Lust auf mehr macht.

Der unendliche Adventskalender

Ende November erhielt ich von einer lieben Freundin ein Päckchen mit einem zauberhaften Adventskalender. In vierundzwanzig liebevoll gestalteten Tüten verbargen sich Samentüten. Samen für Blumen, die alte Freunde sind und Samen für Sorten, von denen ich noch nie gehört habe. Während die Tage immer kürzer wurden öffnete ich jeden Morgen voller Spannung neue Frühlingsvorfreude.

Kurz vor Weihnachten überraschte mich eine hoffnungsfrohe Narzisse mit weit geöffneten Blüten, mitten im Garten, mitten im Wintergrau. Sie sagte, alles sei möglich und versprach, dass all diese winzigen Samen ganz genau wissen, wie sie eines Tages genauso groß werden können. Sie tragen alle nötigen Informationen in sich, obwohl sie zum Teil kaum mit bloßem Auge zu erkennen sind. Das bleibt für mich ein unfassbares Wunder.

Ich wandere viel in diesen Tagen, immer wieder durch den Garten, aber auch in der Umgegend. Überall sind Schätze zu finden. Man muss nur etwas genauer hinsehen als im Sommer, aber es ist nicht schwer, weil alles so durchlässig ist, ohne Blätter. Da ist viel Raum für Glanz.

Nun liegt ein ganzes neues Jahr vor uns. Und während ich meine Hecke schneide, ehe die Vögel schon wieder zu brüten anfangen – singen tun sie schon – dann denke ich: So ein Jahr, da ist in jedem einzelnen Tag eine oder mehrere Überraschungen zu finden. Sei es eine vorwitzige Narzisse, ein Tropfen, in dem die Welt kopfsteht, ein filigranes Spiegelbild im Wasser oder eine Waldrebe mit fröhlicher Frisur. Oder eben die hoffnungsfrohen Keimlinge, die aus dem sagenhaften Inhalt all der Samentütchen sprießen und blühen werden, wenn ihre Zeit gekommen ist und sie ihren Platz gefunden haben. Man kann nicht durch einen Garten oder auch nur zum Briefkasten gehen, ohne etwas zu entdecken. So ein Jahr ist ein Adventskalender für dreihundertfünfundsechzig Tage. Wie aufregend! Ich freue mich so darauf.