Lichtfischer

Januar. Graue Tage, kalte Tage, Tage, die für uns alle gerade schwer sind. Doch auch an solchen Tagen gibt es Helles. Eine kleine Seifenblase und der Blick hindurch machen kleine Wunder größer. Sie fängt das Licht ein, von dem man gar nicht bemerkt hat, dass es da ist. Sie fischt Farben aus dem Grau und lässt sie intensiver leuchten. Sie macht etwas rund, vielleicht auch die Gedanken, und vor allem die Hoffnung. Sie könnte platzen, aber sie tut es nicht, noch nicht, sie hält und hält, auch wenn sie ein wenig im Wind zittert, und zeigt uns was Stärke ist. Und wenn ihre Zeit dann doch gekommen ist, hinterlässt sie einen Schimmer, der uns viel zu sagen hat und Lust auf mehr macht.

Der unendliche Adventskalender

Ende November erhielt ich von einer lieben Freundin ein Päckchen mit einem zauberhaften Adventskalender. In vierundzwanzig liebevoll gestalteten Tüten verbargen sich Samentüten. Samen für Blumen, die alte Freunde sind und Samen für Sorten, von denen ich noch nie gehört habe. Während die Tage immer kürzer wurden öffnete ich jeden Morgen voller Spannung neue Frühlingsvorfreude.

Kurz vor Weihnachten überraschte mich eine hoffnungsfrohe Narzisse mit weit geöffneten Blüten, mitten im Garten, mitten im Wintergrau. Sie sagte, alles sei möglich und versprach, dass all diese winzigen Samen ganz genau wissen, wie sie eines Tages genauso groß werden können. Sie tragen alle nötigen Informationen in sich, obwohl sie zum Teil kaum mit bloßem Auge zu erkennen sind. Das bleibt für mich ein unfassbares Wunder.

Ich wandere viel in diesen Tagen, immer wieder durch den Garten, aber auch in der Umgegend. Überall sind Schätze zu finden. Man muss nur etwas genauer hinsehen als im Sommer, aber es ist nicht schwer, weil alles so durchlässig ist, ohne Blätter. Da ist viel Raum für Glanz.

Nun liegt ein ganzes neues Jahr vor uns. Und während ich meine Hecke schneide, ehe die Vögel schon wieder zu brüten anfangen – singen tun sie schon – dann denke ich: So ein Jahr, da ist in jedem einzelnen Tag eine oder mehrere Überraschungen zu finden. Sei es eine vorwitzige Narzisse, ein Tropfen, in dem die Welt kopfsteht, ein filigranes Spiegelbild im Wasser oder eine Waldrebe mit fröhlicher Frisur. Oder eben die hoffnungsfrohen Keimlinge, die aus dem sagenhaften Inhalt all der Samentütchen sprießen und blühen werden, wenn ihre Zeit gekommen ist und sie ihren Platz gefunden haben. Man kann nicht durch einen Garten oder auch nur zum Briefkasten gehen, ohne etwas zu entdecken. So ein Jahr ist ein Adventskalender für dreihundertfünfundsechzig Tage. Wie aufregend! Ich freue mich so darauf.

Erwärmender Frost

Advent. Zeit, zur Ruhe zu kommen, und der Garten macht es uns vor. Heute früh war er voller kostenloser Geschenke. Ich besuchte alle meine Freunde in den Beeten und sie erzählten herzerwärmende Geschichten von Schönheit, von Werden, Vergehen, Loslassen, Geduld, Durchhaltevermögen, Vorbereitung und Wiederkehr.

Es war ein Jahr, an dessen Ende viele von uns etwas atemlos, erschöpft, verunsichert oder verwirrt ankommen. Aber ein paar Schritte nach draußen und wir finden Schönheit, die wärmt. Etwas das uns zeigt, wo die Zuversicht wächst. Und dass es manchmal Frost braucht, damit der Frühling wiederkommen kann.

Ich wünsche allen eine leuchtende Zeit, in der wir alle nachsichtig sind mit uns, den anderen und der zerbrechlichen, zauberhaften Welt um uns herum.

Oktober-Sinnen

wp-1602420851129.jpg

  Lucys Garten zeigt kein Nachlassen. Die Astern brennen ein Feuerwerk nach dem anderen ab, wie um das ergiebige Jahr zu feiern, und auch andere Blüten leuchten noch.   Ich habe Ernten eingefahren, solche, die man essen kann, solche, die die Seele unsichtbar bereichern und solche, die ich voller Glückseligkeit betrachtet habe.

Nun braucht der Garten kaum noch Zuwendung, er ist mit sich selbst beschäftigt. Ich wandere derweil auf Herbstwegen und lasse den Gedanken freien Lauf.

Ich freue mich an den allgegenwärtigen Samen und an den gepflügten Feldern, die bereit sind für Neues.  Ich sehe meinen Schatten und denke: es sieht aus, als würde ich hier in einem Ballkleid stehen. Dem Anlass wäre es angemessen, denn alles scheint mit dem Licht zu tanzen und mit den Oktoberwinden.

In diesem Sessel, der am See mitten in der Landschaft steht, habe ich verweilt, als wäre die Wildnis mein Wohnzimmer, und es fühlte sich seltsam passend an.  Und so wie die Frauenstatue im Botanischen Garten wäre ich am liebsten stehengeblieben, ohne zu frieren, den ganzen Winter lang,  würde über die Beete hinweg den Himmel betrachten, bis die Krokusse sich aus der Erde wagen.

wp-1602415307096.jpg

In neblige Morgen kann man getrost hineinspazieren durch ein Tor aus Sonnenblumen, denn sie bergen Geheimnisse, die es zu entdecken gilt. 

Und dann, wenn der Abend sich über alles legt und nach Herbst duftet, ist es Zeit für Kerzenlicht und Geschichten, Erinnerungen und Pläne, Hoffnung und vor allem Dankbarkeit.

wp-1602415332461.jpg

Septemberselig

Lucys Garten läuft mit dem Herbst nochmals zu Hochform auf. Überall blüht und glüht es in einem großen Feuerwerk vor der willkommenen tiefen Ruhe.

Es wird Zeit für diesen Herbst, mehr Sommer kann ich nicht mehr fassen. Auch ich werde den Winter brauchen, um eine Pause von den Farben, den Düften, dem Wachsen zu genießen und wieder zu Atem zu kommen. Für weiteres Staunen habe ich kaum noch Raum, so erfüllt war das Gartenjahr. Jetzt habe ich noch eine Kräuterspirale gebaut. Habe Blumenzwiebeln in der Erde versteckt und kam mir wie ein Eichörnchen dabei vor. Ein paar Gräser noch in die Lücken, ein paar Pflanzen einen besseren Standort geschenkt, einen Gartentisch bestellt, weil die im Herbst günstiger sind und er die Vorfreude auf die nächste Saison steigert. Die Dürre in diesem Jahr war wieder erschreckend hier, aber nun ist der Gartenschlauch aufgerollt. Nun heißt es nur noch den Farben zusehen und dem Fallen, wandern dazwischen und sich dann selbst fallen lassen in die stille Zeit der Regeneration, des Wurzelns und Träumens und Keimens.

Ob es wohl wieder einmal Schnee geben wird? Raureif auf jeden Fall, ich freue mich darauf, wie die feinen Kristalle alles umsäumen werden, was so zart und so flüchtig und so unfassbar groß war.

Goldrausch, kostenlos

September ist und bleibt für mich der schönste unter allen zwölf schönen Monaten (Den Februar mag ich am wenigsten). Im September kann man nicht nur Äpfel und Pfirsiche und Nüsse und viele andere Schätze ernten. Auch die Seele ist prallvoll von allem, was Frühling und Sommer angeboten haben, vom ersten Schneeglöckechen im Januar über bis zum Blau des Mönchspfeffers und dem Violett der Herbstzeitlosen jetzt, mitsamt dem ersten Anflug von Rot in den Blättern des wilden Weins.

Und jetzt ist da das Gold, das über die Linden kommt, in den Goldruten brennt und in den Dahlien und Chysanthemen, das uns der Wind um die Ohren flattern lässt und das sich den ganzen Tag im schrägen, klaren Licht der tiefer stehenden Sonne über alles ergießt und auch den letzten Winkel ausleuchtet. Es erfüllt, es macht dankbar, es unterstreicht die Kostbarkeit der Zeit und macht die kleinen Momente groß, und es macht so reich, dass ich gar nicht weiß wohin damit. So stehe ich still und staune, und wandere, und finde im Gold das Silber der Spinnweben, die wirken als könnten sie mein Glück vielleicht zusammenhalten, irgendwie.

Nachtwärme

Um Mitternacht im Liegestuhl, den Rücken ganz nach hinten gestellt. Die Stadt ist hell, viel zu hell, aber an einer bestimmten Stelle in Lucys Garten kann man dann doch Sterne sehen, sogar Sternbilder. Die Kassiopeia, das Himmels-W, stellvertretend für alle großen Fragen – Warum? Wohin? Wer? Was? Wann? – ist eine ganz alte Freundin von mir. Der große Wagen. Der Hundsstern, denn es sind die Hundstage, die nach ihm benannt sind, und sie sind so heiß, wie es sich für sie gehört. An eine Sichtbarkeit der Milchstraße ist hier nicht zu denken, aber dafür gibt es Flugzeuge, menschengemachte Sterne, die als eilige Funken durch das Firmament ziehen. Wer? Wohin? Warum?  Uns verbindet viel mit den Sternen, nicht nur unsere Herkunft. Wir oreintieren uns daran. Wir träumen darunter. Sie machen uns neugierig, treiben die Forschung voran. Sie erinnern uns an unsere Kleinheit im All, und das ist heilsam.

Es ist Sternschnuppennacht, die Tage der Perseiden, und ich warte. Eine Maus raschelt irgendwo, Nachtfalter kosten die Wandelröschen, eine Mücke sirrt im Ohr. Man müsste öfter so sitzen, allein mit der dunklen Stille, dem Duft vom Jelängerjelieber und den reifenden Pfirsichen, mit dem Himmel. Selbst die Zeit schweigt. Eigentlich braucht es gar keine Sternschnuppen.

Doch dann fällt etwas, ein Licht, ein wenig wärmer als das der Sterne, flüchtig, lautlos, zauberschön, eine Sekunde des kindlichen Staunens, beglückend. Und noch eins, huscht in eine andere Richtung, heller diesmal. Woanders wieder ein Zarteres, dann ein ganz Helles, blendend fast, quer durch die Kassiopeia. So hell, dass es einen Augenblick verweilt, vielleicht auch nur als Nachklang auf der Netzhaut, bevor es veglüht. Es macht mich sogar ein wenig traurig: da hört etwas auf zu sein, dass bisher unfassbar ewig und weit im All unterwegs war. Doch es schenkt uns im Vergehen diesen Moment, der im Gedächtnis bleibt und Mut macht. Es ist wohl gut so, das es so ist mit der Vergänglichkeit. Wir sind nicht so lange und weit unterwegs, und doch ist es kaum anders mit uns.

Uns verbindet viel mit den Sternen.

Irgendwo da draußen fällt etwas und verglüht und schenkt Licht, und dann ist es die Nacht, die in den Morgen fällt. In das Licht eines neuen Tages, in dem es Früchte zu ernten gibt und Blüten zu entdecken und ein Frosch sich in der Wärme sonnt.

August

wp-1596812584385.jpg

Das Leuchten ist jetzt anders, auf der anderen Seite der Sonnenwende. So warm und klar. Es unterstreicht den Zauber der Dinge. Nicht nur den der Blüten. Auch den der Treffen mit guten Freunden.

Eine eigene Ernte, ein filigraner Strauß, ein Lachen, eine Begegnung, ein Brief – alles ist kostbar in diesen heißen, leuchtenden, langsamen Sommertagen. Der August hält das Licht in seinen Handflächen, schreibt die Dichterin Victoria Eriksson.

Morgens zittern die Tropfen in den glänzenden Spinnweben wie vor freudiger Erwartung. Ein neuer Tag, in dem wir auf Entdeckungsreisen gehen können, im Garten, in Gesprächen im Schatten eines alten Baumes, zwischen den Seiten eines Buches mit dem Duft von Klee und dem Summen von Bienen um uns herum.

Die Hundstage bringen Blüten an Pflanzen hervor, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie gepflanzt habe. Alles ist leichter und doch zu groß für viele Worte. Das Glück liegt in der Stille.

wp-1596812667496.jpg

Die Wiese wächst nach der Mahd ein zweites unbeirrtes Mal. Früchte reifen zusammen mit den neuen Erinnerungen, die wir gerade erschaffen. Pfirsiche, Tomaten, Auberginen, Gurken. Das Wasser der Seen ist gerade noch erfrischend, trägt uns unter dem Himmel, der abends rosa Wolken treiben lässt wie Papierschiffchen.

Die Sommerabende kommen bereits ein wenig früher, aber sie sind voller Süße und Sanftheit, sie versöhnen mit der Vergänglichkeit und der Flüchtigkeit der Zeit.

Sie haben uns für eine Weile sogar einen Kometen geschenkt. Doch die Sterne sind genug. Und manchmal sieht man sie sogar über der Stadt.

wp-1596812552726.jpg

 

 

Wolkenweiß

wp-1591366079492.jpg

Unter alllen bunten Blüten im Garten, die sich im Sommerwind zu einem übermütigen, überschwänglichen Farbenrausch mischen, stehe ich oft mit der größten Ehrfurcht vor den schlichten, reinweißen.

wp-1591366162669.jpg

Deren klare Leichtigkeit bietet eine Ruheinsel für das Auge und eine Erfrischung für die Seele. Bei Hitze kühlt der Anblick, bei Regen birgt er Licht.  Sie erinnern mich daran, dass das Einfache oft das Wunderbarste ist. Und ein Stück Himmel sind sie auch, denn was wäre ein Himmel ohne gelegentliche Wolken?

 

Das kleine All zwischen den Geschichten

Die Zeit zwischen dem Schreiben zweier Bücher ist stets eine merkwürdig Schwerelose, eine Art Traum-Zeit. Die alten Figuren haben sich längst verabschiedet, die neuen stellen sich erst ganz langsam vor. Es ist, wie wenn man die Augen zusammenkneift um eventuelle Wesen besser sehen zu können, die aus dem Licht oder dem Schatten treten. Erst sind nur die Silhouetten ahnbar, dann die Gesichter. Irgendwann beginnen sie, ihre Geschichte zu erzählen, erst stumm, dann ganz leise, schließlich deutlicher. Das ist kein linearer Prozeß, sie tanzen mal hinein, mal hinaus aus dem Schärfebereich, spielen Verstecken hinter den Sonnenblumen, lachen aus der Ferne oder winken auffordernd um die Ecke.

wp-1594048182069.jpg

Der Garten ist ein guter Ort, um sie anzulocken, sich ihnen zu nähern, sich bekannt zu machen, ihnen zu lauschen und sich mit ihnen anzufreunden. Es gibt so viele Schätze zu sehen hier, für mich und für sie. Jeder davon erinnert uns daran, wie voll dieser Reichtümer das Leben ist.

Diese Zeit zwischen den Geschichten ist immer seltsam, als wäre der Boden weniger fest, die Tage ungenau. Diesmal dauert sie länger. Aufgrund von Corona verschoben sich Planungsgespräche und Verlagsverträge nahtlos bis zur Urlaubszeit, in der alles stillsteht und niemand da ist; Recherchereisen mussten von April auf August verlegt werden. Die Zeit wird mir später fehlen, aber dafür sprießen jetzt ungeordnete Ideen im Vakuum wie der Klee auf der Wiese. Im Gegensatz zu den Geschichten sind die Rotschwänzchen aus dem Nistkasten längst flügge. Immerhin, die Mohrrüben und Gurken sind lecker, auch die ersten dicken Tomaten reifen.

Und wenn es nach Sommer duftet und die Zeit auf geheimnisvolle Weise langsamer läuft, die ersten Grillen zirpen und ein paar selten gewordene Regentropfen im Gras funkeln, dann genügt es wohl auch einmal, die Gedanken nur wandern zu lassen, bis sie den Träumen begegnen und sich mit ihnen gemeinsam ganz ziellos auf einen Weg machen.

wp-1594567336640.jpg