Oktober-Sinnen

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  Lucys Garten zeigt kein Nachlassen. Die Astern brennen ein Feuerwerk nach dem anderen ab, wie um das ergiebige Jahr zu feiern, und auch andere Blüten leuchten noch.   Ich habe Ernten eingefahren, solche, die man essen kann, solche, die die Seele unsichtbar bereichern und solche, die ich voller Glückseligkeit betrachtet habe.

Nun braucht der Garten kaum noch Zuwendung, er ist mit sich selbst beschäftigt. Ich wandere derweil auf Herbstwegen und lasse den Gedanken freien Lauf.

Ich freue mich an den allgegenwärtigen Samen und an den gepflügten Feldern, die bereit sind für Neues.  Ich sehe meinen Schatten und denke: es sieht aus, als würde ich hier in einem Ballkleid stehen. Dem Anlass wäre es angemessen, denn alles scheint mit dem Licht zu tanzen und mit den Oktoberwinden.

In diesem Sessel, der am See mitten in der Landschaft steht, habe ich verweilt, als wäre die Wildnis mein Wohnzimmer, und es fühlte sich seltsam passend an.  Und so wie die Frauenstatue im Botanischen Garten wäre ich am liebsten stehengeblieben, ohne zu frieren, den ganzen Winter lang,  würde über die Beete hinweg den Himmel betrachten, bis die Krokusse sich aus der Erde wagen.

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In neblige Morgen kann man getrost hineinspazieren durch ein Tor aus Sonnenblumen, denn sie bergen Geheimnisse, die es zu entdecken gilt. 

Und dann abends, wenn der Abend sich über alles legt und nach Herbst duftet, ist es Zeit für Kerzenlicht und Geschichten, Erinnerungen und Pläne, Hoffnung und vor allem Dankbarkeit.

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Septemberselig

Lucys Garten läuft mit dem Herbst nochmals zu Hochform auf. Überall blüht und glüht es in einem großen Feuerwerk vor der willkommenen tiefen Ruhe.

Es wird Zeit für diesen Herbst, mehr Sommer kann ich nicht mehr fassen. Auch ich werde den Winter brauchen, um eine Pause von den Farben, den Düften, dem Wachsen zu genießen und wieder zu Atem zu kommen. Für weiteres Staunen habe ich kaum noch Raum, so erfüllt war das Gartenjahr. Jetzt habe ich noch eine Kräuterspirale gebaut. Habe Blumenzwiebeln in der Erde versteckt und kam mir wie ein Eichörnchen dabei vor. Ein paar Gräser noch in die Lücken, ein paar Pflanzen einen besseren Standort geschenkt, einen Gartentisch bestellt, weil die im Herbst günstiger sind und er die Vorfreude auf die nächste Saison steigert. Die Dürre in diesem Jahr war wieder erschreckend hier, aber nun ist der Gartenschlauch aufgerollt. Nun heißt es nur noch den Farben zusehen und dem Fallen, wandern dazwischen und sich dann selbst fallen lassen in die stille Zeit der Regeneration, des Wurzelns und Träumens und Keimens.

Ob es wohl wieder einmal Schnee geben wird? Raureif auf jeden Fall, ich freue mich darauf, wie die feinen Kristalle alles umsäumen werden, was so zart und so flüchtig und so unfassbar groß war.

Goldrausch, kostenlos

September ist und bleibt für mich der schönste unter allen zwölf schönen Monaten (Den Februar mag ich am wenigsten). Im September kann man nicht nur Äpfel und Pfirsiche und Nüsse und viele andere Schätze ernten. Auch die Seele ist prallvoll von allem, was Frühling und Sommer angeboten haben, vom ersten Schneeglöckechen im Januar über bis zum Blau des Mönchspfeffers und dem Violett der Herbstzeitlosen jetzt, mitsamt dem ersten Anflug von Rot in den Blättern des wilden Weins.

Und jetzt ist da das Gold, das über die Linden kommt, in den Goldruten brennt und in den Dahlien und Chysanthemen, das uns der Wind um die Ohren flattern lässt und das sich den ganzen Tag im schrägen, klaren Licht der tiefer stehenden Sonne über alles ergießt und auch den letzten Winkel ausleuchtet. Es erfüllt, es macht dankbar, es unterstreicht die Kostbarkeit der Zeit und macht die kleinen Momente groß, und es macht so reich, dass ich gar nicht weiß wohin damit. So stehe ich still und staune, und wandere, und finde im Gold das Silber der Spinnweben, die wirken als könnten sie mein Glück vielleicht zusammenhalten, irgendwie.

Nachtwärme

Um Mitternacht im Liegestuhl, den Rücken ganz nach hinten gestellt. Die Stadt ist hell, viel zu hell, aber an einer bestimmten Stelle in Lucys Garten kann man dann doch Sterne sehen, sogar Sternbilder. Die Kassiopeia, das Himmels-W, stellvertretend für alle großen Fragen – Warum? Wohin? Wer? Was? Wann? – ist eine ganz alte Freundin von mir. Der große Wagen. Der Hundsstern, denn es sind die Hundstage, die nach ihm benannt sind, und sie sind so heiß, wie es sich für sie gehört. An eine Sichtbarkeit der Milchstraße ist hier nicht zu denken, aber dafür gibt es Flugzeuge, menschengemachte Sterne, die als eilige Funken durch das Firmament ziehen. Wer? Wohin? Warum?  Uns verbindet viel mit den Sternen, nicht nur unsere Herkunft. Wir oreintieren uns daran. Wir träumen darunter. Sie machen uns neugierig, treiben die Forschung voran. Sie erinnern uns an unsere Kleinheit im All, und das ist heilsam.

Es ist Sternschnuppennacht, die Tage der Perseiden, und ich warte. Eine Maus raschelt irgendwo, Nachtfalter kosten die Wandelröschen, eine Mücke sirrt im Ohr. Man müsste öfter so sitzen, allein mit der dunklen Stille, dem Duft vom Jelängerjelieber und den reifenden Pfirsichen, mit dem Himmel. Selbst die Zeit schweigt. Eigentlich braucht es gar keine Sternschnuppen.

Doch dann fällt etwas, ein Licht, ein wenig wärmer als das der Sterne, flüchtig, lautlos, zauberschön, eine Sekunde des kindlichen Staunens, beglückend. Und noch eins, huscht in eine andere Richtung, heller diesmal. Woanders wieder ein Zarteres, dann ein ganz Helles, blendend fast, quer durch die Kassiopeia. So hell, dass es einen Augenblick verweilt, vielleicht auch nur als Nachklang auf der Netzhaut, bevor es veglüht. Es macht mich sogar ein wenig traurig: da hört etwas auf zu sein, dass bisher unfassbar ewig und weit im All unterwegs war. Doch es schenkt uns im Vergehen diesen Moment, der im Gedächtnis bleibt und Mut macht. Es ist wohl gut so, das es so ist mit der Vergänglichkeit. Wir sind nicht so lange und weit unterwegs, und doch ist es kaum anders mit uns.

Uns verbindet viel mit den Sternen.

Irgendwo da draußen fällt etwas und verglüht und schenkt Licht, und dann ist es die Nacht, die in den Morgen fällt. In das Licht eines neuen Tages, in dem es Früchte zu ernten gibt und Blüten zu entdecken und ein Frosch sich in der Wärme sonnt.

August

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Das Leuchten ist jetzt anders, auf der anderen Seite der Sonnenwende. So warm und klar. Es unterstreicht den Zauber der Dinge. Nicht nur den der Blüten. Auch den der Treffen mit guten Freunden.

Eine eigene Ernte, ein filigraner Strauß, ein Lachen, eine Begegnung, ein Brief – alles ist kostbar in diesen heißen, leuchtenden, langsamen Sommertagen. Der August hält das Licht in seinen Handflächen, schreibt die Dichterin Victoria Eriksson.

Morgens zittern die Tropfen in den glänzenden Spinnweben wie vor freudiger Erwartung. Ein neuer Tag, in dem wir auf Entdeckungsreisen gehen können, im Garten, in Gesprächen im Schatten eines alten Baumes, zwischen den Seiten eines Buches mit dem Duft von Klee und dem Summen von Bienen um uns herum.

Die Hundstage bringen Blüten an Pflanzen hervor, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass ich sie gepflanzt habe. Alles ist leichter und doch zu groß für viele Worte. Das Glück liegt in der Stille.

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Die Wiese wächst nach der Mahd ein zweites unbeirrtes Mal. Früchte reifen zusammen mit den neuen Erinnerungen, die wir gerade erschaffen. Pfirsiche, Tomaten, Auberginen, Gurken. Das Wasser der Seen ist gerade noch erfrischend, trägt uns unter dem Himmel, der abends rosa Wolken treiben lässt wie Papierschiffchen.

Die Sommerabende kommen bereits ein wenig früher, aber sie sind voller Süße und Sanftheit, sie versöhnen mit der Vergänglichkeit und der Flüchtigkeit der Zeit.

Sie haben uns für eine Weile sogar einen Kometen geschenkt. Doch die Sterne sind genug. Und manchmal sieht man sie sogar über der Stadt.

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Wolkenweiß

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Unter alllen bunten Blüten im Garten, die sich im Sommerwind zu einem übermütigen, überschwänglichen Farbenrausch mischen, stehe ich oft mit der größten Ehrfurcht vor den schlichten, reinweißen.

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Deren klare Leichtigkeit bietet eine Ruheinsel für das Auge und eine Erfrischung für die Seele. Bei Hitze kühlt der Anblick, bei Regen birgt er Licht.  Sie erinnern mich daran, dass das Einfache oft das Wunderbarste ist. Und ein Stück Himmel sind sie auch, denn was wäre ein Himmel ohne gelegentliche Wolken?

 

Das kleine All zwischen den Geschichten

Die Zeit zwischen dem Schreiben zweier Bücher ist stets eine merkwürdig Schwerelose, eine Art Traum-Zeit. Die alten Figuren haben sich längst verabschiedet, die neuen stellen sich erst ganz langsam vor. Es ist, wie wenn man die Augen zusammenkneift um eventuelle Wesen besser sehen zu können, die aus dem Licht oder dem Schatten treten. Erst sind nur die Silhouetten ahnbar, dann die Gesichter. Irgendwann beginnen sie, ihre Geschichte zu erzählen, erst stumm, dann ganz leise, schließlich deutlicher. Das ist kein linearer Prozeß, sie tanzen mal hinein, mal hinaus aus dem Schärfebereich, spielen Verstecken hinter den Sonnenblumen, lachen aus der Ferne oder winken auffordernd um die Ecke.

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Der Garten ist ein guter Ort, um sie anzulocken, sich ihnen zu nähern, sich bekannt zu machen, ihnen zu lauschen und sich mit ihnen anzufreunden. Es gibt so viele Schätze zu sehen hier, für mich und für sie. Jeder davon erinnert uns daran, wie voll dieser Reichtümer das Leben ist.

Diese Zeit zwischen den Geschichten ist immer seltsam, als wäre der Boden weniger fest, die Tage ungenau. Diesmal dauert sie länger. Aufgrund von Corona verschoben sich Planungsgespräche und Verlagsverträge nahtlos bis zur Urlaubszeit, in der alles stillsteht und niemand da ist; Recherchereisen mussten von April auf August verlegt werden. Die Zeit wird mir später fehlen, aber dafür sprießen jetzt ungeordnete Ideen im Vakuum wie der Klee auf der Wiese. Im Gegensatz zu den Geschichten sind die Rotschwänzchen aus dem Nistkasten längst flügge. Immerhin, die Mohrrüben und Gurken sind lecker, auch die ersten dicken Tomaten reifen.

Und wenn es nach Sommer duftet und die Zeit auf geheimnisvolle Weise langsamer läuft, die ersten Grillen zirpen und ein paar selten gewordene Regentropfen im Gras funkeln, dann genügt es wohl auch einmal, die Gedanken nur wandern zu lassen, bis sie den Träumen begegnen und sich mit ihnen gemeinsam ganz ziellos auf einen Weg machen.

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Koelle & Kalani

wp-1594046007499.jpgAm Samstag habe ich  Lucys Garten einmal sich selbst überlassen. Ich war mit meinem Stehpaddelbrett auf dem See, ganz früh am Morgen. Das Brett habe ich im letzten Sommer auf den Namen Kalani getauft, das ist ein hawaiianisches Wort für Himmel. Denn wenn ich darauf stehe und auf dem klaren Wasser unterwegs bin, in dem sich dieser Himmel spiegelt, dann sieht es für mich aus als führe ich durch Wolken. Es war so früh, dass ich allein war bis auf einige Schwimmer. Der glänzende große Spiegel war leer bis auf mich kleinen Punkt. Und dann stieg die Sonne über die Baumwipfel, streute ihr Funkeln auf den See und warf mir eine Brücke aus Licht zu.

Ich habe einmal eine Kindergeschichte geschrieben darüber, dass dieses Glitzern auf dem Wasser, dies zauberhafte Funkeln all die Träume sind, die den Menschen in den Sinn kommen wenn sie aufs Wasser blicken. Oft werden sie dort vergessen und womöglich nie wieder abgeholt, also treiben sie dort und funkeln.

Aber die Wahrheit, dachte ich jetzt neben dem Rhythmus der Paddelschläge, die ist viel  unwahrscheinlicher, größer und märchenhafter: Ein unvorstellbar weit entfernter, unbegreiflich riesiger und unfassbar heißer Stern irgendwo im All streut dieses Funkeln auf das Wasser. Nicht für uns, sondern aufgrund bloßer physikalischer Fakten, und doch sind wir hier und in der Lage, es als Geschenk zu empfinden. Aber nur, weil das Magnetfeld der Erde uns schützt, und weil es die Schwerkraft gibt, die uns und das Wasser vor der Fliehkraft und dem freien Fall bewahrt, weil sich um einen glühenden Kern eine bewegliche Kruste geformt hat, weil es Vertiefungen gibt und das Wasser, das sich darin sammelte, weil da die Atmosphäre entstanden und geblieben ist, die Wunderbares mit dem Licht anstellt – all das und noch viel mehr! Das Ganze ist eine so haarsträubend unglaubwürdige Geschichte und dabei oder deswegen so beglückend, dass es einer jener Momente ist, die mich öfters überfallen. Wenn es keine Worte mehr gibt, nur Staunen, wenn das atemlose, haltlose, dankbare und demütige Sein so groß ist, dass ich froh bin, mich am Paddel festhalten zu können, und dann ist es wie Schweben, wie Fliegen ohne Abheben, nur der Himmel, das Wasser, das Licht und eine Leichtigkeit, die fast schon wieder zu groß ist um sie lange auszuhalten.

Inzwischen füllt sich der See, es mehren sich andere Paddler und das Bild des Alltags schiebt sich wieder über den Tag. Haubentaucherküken fischen in den Wellen, Graureiher wachen, Jungfische ziehen in silbernen Schwärmen unter mir vorbei. Doch dann kommt ein Wind auf, der sich bei blauem Himmel rasch zu einem veritablen Sturm entwickelt. Plötzlich ist kein Vorwärtskommen mehr gegen die Strömung, ich muss mich hinknien, klein machen, weniger Widerstand bieten. Ich mag das, den Wind, ich kämpfe mich vorwärts bis zur Boje und binde Kalani dort an, lege mich auf den Rücken und betrachte diesen wandelbaren Himmel mit den Schwalben darin, die inmitten der Böen einen triumphalen Kunstflug vorführen. Eine Libelle ruht sich auf meinem Bauch aus. Die Wellen wiegen mich. Ich vergesse die Zeit und entwerfe die Biographie meines neuen Protagonisten, und als ich mich aufsetze, ist der See wieder leer. Die anderen Paddler haben aufgegeben und sind verschwunden, die Schwimmer auch. Am Ufer beugen sich die Bäume in einem wilden Tanz. Ich denke: Wie gut, wenn man einen Anker hat in den Stürmen, die wir alle erleben! Eine Boje, ein Zuhause, eine Liebe oder ein Ziel.

Und dann löse ich die Schnur und stehe auf, und auf dem Rückweg brauche ich keinen einzigen Paddelschlag. Ich komme dennoch so schnell vorwärts, dass Kalani eine rauschende Bugwelle verursacht.

Denn jetzt habe ich Rückenwind. Den gibt es auch, immer wieder.

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Duftnot(iz)en

wp-1593157516611.jpgWenn ich jetzt in den Garten gehe, komme ich nur Schritt für Schritt  vorwärts. Überall muss ich ein Blättchen zupfen, es zwischen den Fingern zerreiben, daran schnuppern. Jeder Duft weckt andere Erinnerungen, andere Bilder. Lavendel: Die Kleider, die Oma nähte, die Seife in einer Pension in Österreich in einem lang vergangenen Sommer, weite blaue Felder im Süden, die ich nie gesehen habe.  Rosmarin: Wildbraten an der See, ein heißes Bad in einem Schneewinter. Thymian: Ferien, irgendwo an einem Berghang liegend zwischen Wildkräutern. Ananassalbei, der wirklich nach Ananas riecht, nach Obstsalat und dem durchgeweichten Kuchen mit der Gelatine darauf den es früher gab, wenn unerwartet Besuch kam. Currykraut, so herrlich silbrig und würzig. Maggikraut, Oregano und Estragon: Vaters Steaks vom Grill und die Quarksauce zu den Folienkartoffeln. Basilikum, das lernte ich erst später kennen, bei Freunden an der Uni. Weihrauch: so ganz anders, aber gut gegen Mücken. Zitronenmelisse: Sommertee. Schnittlauch, von dem man mir beibrachte man könne ihn nicht mehr essen wenn er blüht, und dessen Blüten so lecker sind, wie ich heute weiß. Petersilie – früher gehasst, aber: iß Vitamine, Kind! und unverzichtbar wenn man ein kaltes Buffet dekorieren möchte.wp-1593157531965.jpg

Und dann natürlich die Blumen. Wicken, Rosen, Levkojen, Jelängerjelieber, Vanilleblume, Klee. Flieder und Maiglöckchen sind unvergessen, aber jetzt: jetzt herrscht der Duft des Sommers! und er ist aus so vielen Farben gewebt, sichtbar und unsichtbar. Er schlägt einen Regenbogen durch alle Sinne, durch Hirn und Seele. Er schleicht sich mit dem Sonnenaufgang in den Tag, mitternachts in die Träume und sogar in eine heuschnupfenverstopfte Nase, er wandert sanft und ungeniert durch Fenster und Türen ein und zieht das Aroma reifer Erdbeeren und Pfirsiche wie ein feierlich langes Kleid hinter sich her. Später fügt er den Dreiklang von Gras-, Him- und Brombeerflecken an Händen und auf Hosen hinzu.  Wenn Trockenheit herrscht, steigt aus der Wiese eine wehmütige Heunote, wenn es regnet, riecht die Erde nach Leben pur. wp-1593157502829.jpg

Mir geht es wie den Bienen, die ins Schlingern geraten weil sie nicht wissen, welche Blüte sie zuerst anfliegen sollen. Man muss ihn auskosten, diesen Sommer, mit allen Sinnen, Nase voran, denn im Herbst wartet ein anderes, neues und nicht minder buntes Geruchskonzert.

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Bis dahin dauert er, mein Weg vom Rosmarin bis zu den Levkojen, jeden Tag wieder, und die Grasflecken auf meinen Knien lagern sich übereinander wie die Schichten auf einem Gemälde, Zeugnis des glücklichen Geschehens.

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Sommerstille

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Sommeranfang, und wenn ich im Garten bin, finde ich zur Zeit keine Worte. Darum ist es hier so ruhig geworden. Sommer! Die Momente zwischen der Geschäftigkeit. Himmel, Erde, Bienensummen. Die unzähligen so verschiedenen Blüten, die sich öffnen, den Tag mit Duft und Farbe bestreichen und dann fallen. Die Vergänglichkeit macht sie noch intensiver, kostbarer, unfassbarer, so wie uns alle, so wie die, an die wir uns erinnern. Die allerersten Grillen im Gras, die genau davon singen, von der Zeit, die vergeht und der Süße der Gegenwart. Barfuß im Tau.

Ich brauche keine Worte im Garten, manchmal, weil  alles das genügt, weil es so viel mehr in sich trägt als Worte. Das spricht eine ganz andere Sprache. Das Rotschwänzchen, das im Kasten an der Hauswand brütet, teilt dieses stille Reich mit mir, auch wenn es zum stummen Staunen keine Zeit hat. Es muss füttern, damit es auch im nächsten Jahr Rotschwänzchen gibt. Niemand von uns möchte eine Welt ohne Rotschwänzchen. Zum Glück hat dieses es leicht in Lucys Garten, denn da sind so viele Insekten und Würmer unterwegs, dass es nur rund um sich her schnappen muss.

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Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade zwischen den Geschichten bin, dass die Worte sich zurückhalten. Sie ruhen sich aus. Die eine Geschichte beeendet, die andere noch nicht begonnen. Ich war heute früh unterwegs, Hand in Hand mit dem kühlen Morgen. Durch die Felder, in das Kalkmoor. Ein verwunschener Ort, mit kleinen Geheimnissen in dunkelschimmernden Tümpeln, mit Urwald und Brachflächen, und immer der Kuckuck, und der Pirol, und die Kraniche. Dazwischen liegen Bruchstücke von neuen Geschichten, glänzend im Gras, ich brauche sie nur aufsammeln. Aber sie verhalten sich wie Schmetterlinge, mal hier, mal da, nicht greifbar, dann doch wieder zutraulich. Ich nehme sie mit, in unsichtbaren Taschen. Ordnen kann ich sie später. Sie sind noch jung, im Larvenstadium, sie brauchen auch noch keine Worte.

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Das Kalkmoor ist eine gefährdete Landschaft. Hier wird sie gerade renaturiert, man versucht, zu erhalten was noch nicht ganz verloren ist. Dabei haben sie Reste der Mauer gefunden, die dornenbewehrten Eisengitter, die man einst in den Gräben des Moores versenkt hat damit niemand im Schutz des dunklen Wassers aus dem Osten in den Westen fliehen konnte. Stalinrasen nannte man sie. Heute fliegt der Pirol darüber, weil es wieder mehr von ihm gibt, und die Menschen wandern hin und her, ungehindert. Die Getreidefelder sind staubtrocken, es regnet so gut wie nie, aber immerhin liegt dicker, goldener Frieden über dem Land.

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Es sind die Geschichten, die uns zusammenhalten. Die wahren, und die, die wahr sein könnten. Manchmal müssen wir sie erzählen, und manchmal müssen wir zuhören, wenn es die Geschichten ohne Worte sind. Irgendwann schlüpfen sie, wie die Libellenlarven, die im Moor an den Halmen hochklettern und im Morgenlicht ihre Flügel zum ersten Mal glätten, um sich dann, wenn sie den Mut finden, in den neuen Tag aufzuschwingen.

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