Fenster zum Sommer

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Lucys Großnichte hat einen Dörrofen. Und wenn man eine der Orangenscheiben aus dem Dörrofen an einem kalten,  regnerischen Winterabend vor ein Licht hält, dann kann diese es locker mit einem Kirchenfenster aufnehmen. Mindestens so andächtig stimmt der Anblick, der da unversehens den ganzen Sommer lebendig macht. Denn diese zarte Scheibe enthält nicht nur die Farben von Sonnenuntergang über dem Meer und Sonnenaufgang über dem Garten. Sie erzählen auch vom Duft der Kischblüten und davon, wie Mangoeis schmeckt. Von der Weichheit von Rosenblüten, wenn man sie mit dem Finger berührt. Von Ringelblumen, Dahlien und Kapuzinerkresse und allen anderen Blüten, die Woche für Woche in allen Tönen von Gelb über Orange bis Weinrot in den Beeten glühen und unweigerlich auch grauen Tage und grauen Gedanken einen hellen, fröhlicheren Anstrich geben.  Und zuletzt auch vom  gradiosen Rausch des Herbstes in eben diesen Farben. All das muss während des Reifeprozesses in die Orange geraten und dort bewahrt worden sein, bis Sarahs Ofen und eine Kerzenflamme es wieder geweckt hat.

Der Anfang

Nichts im Garten ist so groß wie das erste kleine Schneeglöckchen. Weil es der Held ist, der sich zuerst ins Licht kämpft. Weil ihm nicht einmal der Frost etwas anhaben kann. Es lässt sich nicht aufhalten und nicht beugen. Es ist bescheiden und gerade in seiner Schlichtheit unglaublich schön. Es kommt ohne Farbe aus. Es sagt einfach nur: Da bin ich.

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Das Schneeglöckchen ist der allererste leise Ton im stillen, erwartungsvollen Saal, die erste Note des Orchsters, das bald den Frühling anspielt. Die erste zuversichtliche Stimme in einem Chor aus Farbe, Form und Energie.

In Lucys Garten sind heute die ersten beiden aufgeblüht.

Ja, es dauert noch. Das Schneeglöckchen wird noch eine Weile allein die Fahne hochhalten bis die Winterlinge sich zeigen und die Hasel zu blühen beginnt. Aber es zeigt uns, dass unsere Geduld nicht überstrapaziert wird.

Denn der Anfang ist gemacht.

Ich freue mich so.

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Neujahr

Im Frühherbst habe ich zum ersten Mal Stiefmütterchen gesät. Es hat zu meiner Überraschung nur ein paar Wochen gedauert, bis sie blühten. wp-1577883715319.jpgDie kurzen Tage genügten ihnen, um mir seitdem jeden Tag Blüten in den kahlen Garten zu streuen.

Heute, am ersten Tag des Jahres, sind sie wie die meisten von uns ein wenig zerzaust vom vorangegangenen Jahr und dem Winter. Der will zwar nicht so recht einer werden, doch die Nächte sind lang und die Bäume nackt und wir ein wenig müde. Aber die Stiefmütterchenblüten stehen mitsamt den Spuren von Schneckenfraß und Sturmböen aufrecht und hartnäckig im Januarwind, bereit für blauen Himmel. Sie machen mir Mut. Ich bin auch bereit. Und endlich zu alt, um mich des Zerzaustseins und der Spuren wegen zu genieren. Der Himmel ist in Ordnung so, mit oder ohne Blau. Ein neues Jahr um zu blühen, für uns alle, die noch da sind um es zu sehen. Wir blicken mit Staunen und Neugier darauf, das Stiefmütterchen und ich.