Blind Date mit Flecken

wp-1587740616664.jpg

Letztes Jahr kannte ich es noch gar nicht – das Lungenkraut. Aber ich habe es an verschiedene Stellen gepflanzt, weil ich die unterschiedliche Zeichnung der Blätter so schön fand. Damals waren die Pflanzen recht mickrig und ich hatte so meine Zweifel.

Doch jetzt im Frühling begannen sie alle auf einmal zu wachsen – und zu blühen, in lauter verschiedenen Farben! Und das an Standorten, wo sonst nichts gedeiht.

wp-1587740574676.jpg

Das Lungenkraut hat sich in Nullkommanichts in mein Herz geschlichen. Ich zähle es jetzt definitiv zu meinen Freunden im Garten und bin froh, dass es mein Gast ist. wp-1587740552324.jpgHoffentlich beruht diese Freundschaft auf Gegenseitigkeit und es bleibt und gründet Familien.

Es lohnt sich auf jeden Fall, immer offen für neue Bekanntschaften zu sein.

Das war zu unverblumt

wp-1587356433945.jpg

Da war dieser Vorgarten. Ich nenne ihn Morgengarten, denn nur dann ist dort Sonne. Ich begrüße auf der Bank gern den Tag mit einer warmen Tasse in der Hand und erinnere mich daran wie es war, mit meinem Mann dort zu sitzen.

Doch das Mähen war mühsam, ich musste immer mit dem Mäher durch das Haus, und Gras im Flur sieht nicht halb so gut aus wie draußen. Zudem ist Rasen für mich verschwendeter Platz, wenn man keine spielenden Kinder hat. Trocken ist es dort auch. Es gibt Pflanzen, die mit Trockenheit mehr anfangen können als Rasen. Im Herbst hat es mich gepackt, ich habe alles spontan umgewühlt und bepflanzt und dabei ein Stück Trauer abgearbeitet, und nun ist das dabei herausgekommen.

wp-1587535985958.jpg

Die Bodendecker müssen sich noch ausbreiten, die Rosen den Bogen und das neue Rankgitter an der Hauswand erobern, und alles wachsen und zusammenfinden. Aber es ist alles, alles wiedergekommen, was ich vor dem Winter gepflanzt (und prompt vergessen) habe, und es blüht und gedeiht und ist wie ein tröstender Chor aus Farbe, der zusammen mit den Nachtigallen den Tag willkommen heißt. Ich freue mich an jedem dieser Tage über all das Sprießen und die ständigen Überraschungen. Fast alle Stauden sind Bienenmagneten. Am Zaun wachsen Winterblüher für die Passanten.  Und auch sonst habe ich an jede Jahreszeit gedacht und bin gespannt, ob die Stauden das genauso sehen. Momentan blüht der Zierapfel und ich kann es kaum erwarten, ob er auch Früchte tragen wird.

Es bleibt ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise, eine Schatzsuche. Jeden Morgen neu.

wp-1587535935679.jpg

wp-1587025435940.jpg

wp-1587025355530.jpg

Schattenkunst

wp-1587485661221.jpg

Der Schemtterlingsflieder wächst und blüht desto besser, desto tiefer man ihn zuvor heruntergestutzt hat. Daran könnten wir uns ein Beispiel nehmen, nur ist das für den Menschen ungleich schwerer.

Doch der Flieder malt selbst in seinem jetzigen kahlen und gekürzten Zustand elegante und geheimnisvolle Zeichnungen voller Potenzial an die Wand. In ein paar Wochen wird er voller Triebe und Blätter sein, dicht und schon wieder beinahe doppelt so hoch. Mit der Wärme folgen Blüten, Duft und Schmetterlinge. Von alledem erzählt der Schatten schon jetzt – und  ich freue mich gern noch eine geduldige Weile über dieses Spiel von Sonne, Tageszeit und lebendiger Form.

Frech. Mitten. Rein.

wp-1587376495453.jpg

Letztes Jahr war eine meiner größten Freuden im Garten die klitzekleine Wiese, die ich angelegt habe. Vorher ging das aus diversen Gründen nie.  Wiesen sind stets ein Glücksort für mich. Und weil es so unglaublich schön war, dort inmitten von Licht und Wind morgens dem Tanz der Gräser und Bienen zuzusehen, kam sie mir viel, viel zu klein vor, als diese Gräser jetzt im Frühling wieder zu wachsen begonnen.

Da habe ich sie einfach mal verdoppelt! Mitten rein in den Rasen eine Schneise dafür geschlagen. Viele lieben ihren Rasen, das ist völlig in Ordnung. Für mich und die Bienen und die Schmetterlinge ist Rasen jedoch langweilig, einfach nur Platzverschwendung.

Okay, doppelt ist in Lucys kleinem Garten immer noch klein. Es ist eigentlich keine Wiese, nur das, was man einen Blühstreifen nennt. Aber für mich ist es ganz groß. Und die Bienen sind ja ganz klein. Das ist für uns beide fein genug so, wie es ist. Bei Glück kommt es auch nicht auf die Größe an, nur auf die Farben.

Der Boden hier ist zum Glück schlecht – mager klingt besser – das ist genau, was eine Wiese mag. Ein bißchen Kalk habe ich noch verteilt, denn es taucht immer wieder Moos auf, was ich auch mag, aber bedeutet dass der Boden etwas zu sauer ist.

Dann habe ich gesät,  Samen und Vorfreude und Ungeduld und Zukunft, und nun muss ich es alles mehrfach am Tag feucht halten, weil ja kein Regen in Sicht ist, und den Regentanz kann ich noch nicht.

Das wird jetzt unglaublich spannend. Wann was kommt. Wie viel kommt. Was kommt. Was dann blüht. Wer es besucht. Wie es duftet.

Gelohnt hat es sich für mich heute schon, auch wenn es nur aussieht wie ein nackter Streifen Erde mitten im Rasen.

Und Gras ist einfach etwas Wunderschönes, wenn es wachsen darf. Wie die meisten Lebewesen.

Des Frühlings Bügelfalten

wp-1586966860138.jpg

Der Drache Apollo bewacht die Narzissen und die Buchenhecke, an der sich der Frühling entfaltet. In jedem April  ist es ein Fest, wenn die ersten hellgrünen Bläter dem Ruf des Sonnenlichts folgen und sich auffalten wie Fächer. Unfassbar, wie jedes Blatt in seine enge braune Knospe gepackt ist. Und wie sauber sich dann all diese geraden Falten ent-falten und zu einem perfekten Kunstwerk werden, das nicht nur ästhetisch ein Genuss sondern auch gleich noch eine kleine Fabrik ist, weil es mit der Photosynthese beginnt.

IMG_1987

Am liebsten würde ich mich neben Apollo setzen und den ganzen Tag dabei zusehen und in diesem hellgrünen jungen Leuchten baden.

Vergessichnicht

wp-1586968281577.jpgDas wie vom Himmel gefallene Blau der Vergissmeinnicht gehört zu den ersten Wundern, an die ich mich aus meiner Kindheit im Garten erinnern kann. Es zeigte mir, dass der Himmel erreichbar und manchmal ganz erdnahe ist. Obendrein hatte jede winzige Blüte einen freundlichen gelben, beinahe goldenen Kern. Sie waren so winzig, dass man sehr genau hinsehen musste, um ihn zu sehen. So lernte ich, nach dem Kleinen, Inneren zu suchen.

Ein Garten ohne Vergissmeinnicht ist für mich unvorstellbar. Zum Glück säen sie sich selbst aus. Sie sind so bescheiden, dass man sich noch nicht einmal um sie kümmern muss. Sie suchen sich ihren Platz selbst, man muss sie nur gewähren lassen.

Und wenn sie sich öffnen und mich morgens anlächeln, dann weiß ich, es ist Frühling und alles ist Himmelblau und möglich, wenn man das Helle in der Mitte nicht übersieht.

wp-1586968319858.jpg

Zuhausewinkel

wp-1585924928472.jpg

Nach dem Schnitt der ausgerasteten Buchenhecke blieb ein Riesenhaufen Äste und Reisig. Zu schade, um es wegzufahren – außerdem habe ich kein Auto. Und was in Lucys Garten wächst, gehört ja auch dahin. Die Lösung war meine Version einer Benjeshecke. Sie hilft etwas gegen Abgase und Lärm vom dahinterliegenden Parkplatz und sieht gemütlich aus. Vor allem aber:  Rotkehlchen und Zaunkönig haben sie sofort zu ihrem Zuhause erklärt. Aus dem, was Nachbarn für „Abfall“ hielten, ertönt nun die schönste Musik und verzaubert mich täglich. Manchmal trifft auch ein Blick aus einem blanken Auge den meinen.

Und auch Kröten, Molche, Igel, Wildbienen und Co. werden sich freuen.

So mag ich Recycling.

wp-1585924889247.jpg

 

Unter der Kälte

Na sowas! Eine Überraschung in Lucys Garten. Der erste Schnee in diesem Winter – und das im Frühling. Ich hatte ihn vermißt. Nun war er ein Geschenk.

wp-1585573100159.jpg

Ich war krank – nein, kein Corona, ein ganz normaler hartnäckiger grippaler Infekt. Darum war es ruhig hier und im Garten. Aber es hat mir wieder einmal gezeigt, was für große heilsame Kräfte in einem Garten oder einfach nur dem Anblick keimender Natur liegen. Mit den Veilchen und den Narzissen und den Blattknospen zusammen habe ich Stück für Stück meine Energie und meine Worte zurückgewonnen. Der Schnee war ein Bonus. Auf einmal lag zum Ende des März für einen Tag eine vom Himmel gefallene kühle Ruhe und ein ganz besonderer weicher, heller Zauber über allem. Ein Atemholen, ehe das große Wachsen richtig beginnt, der Chor aus Grüntönen, die Welle aus Farben, die uns mitnimmt in eine hoffentlich bald bessere Zeit. wp-1585573033104.jpg

Der Himmel und die Blüten gehen uns nicht verloren, ganz gleich was für erschreckende Geschehnisse uns gerade lähmen. Es kommt wieder eine Zeit des Aufbruchs und des Wachsens, auch für uns. Inzwischen hält die Natur die Welt um uns am Leben und bewahrt uns vor Verzweiflung.  Die meisten Blüten sind nicht erfroren unter der unvermuteten Kälte. Und manchmal birgt so eine Zwangspause ja auch ein wertvolles Geheimnis, das sich erst später zeigt. Wie das Schöne, das nach dem Tauen unter dem Schnee zum Vorschein kommt. Ein wenig gebeugt, aber durchaus lebensfähig und voller Freude.

wp-1585572992982.jpg

Geht nicht gibt’s nicht

Meine uralte Buchenhecke war mir aus diversen Gründen weit über den Kopf gewachsen. Insgesamt vier bis fünf Meter. Das kann man nur professionell schneiden lassen, mit einem Ausleger, sagten mir die verschiedenen Männer, die ich befragte.

wp-1582884930944.jpg

Aber das kam erstmal nicht in Frage, auch aus Gründen. Also sagte ich mir, selbst ist die Frau, besorgte mir ein neues Sägeblatt für den 4-Meter-Stiel und legte mit einer feinen Mischung aus Brutalität und Geschick los.

wp-1582884202450.jpg

Einen Muskelkater und vier Tage später habe ich endlich wieder Himmel, und die Blumen Licht.

wp-1582884874891.jpg

Mir hat es jedenfalls gezeigt, dass man mit manchem auch allein fertig wird, das einem weit über den Kopf gewachsen ist. Man braucht nur das richtige Werkzeug, etwas Zeit und einige Entschlossenheit. Ach ja, und sehr alte Hosen.

wp-1582884251886.jpg

Die Reste werden mich auch nicht kleinkriegen, sondern ich sie. Nach und nach. Vielleicht baue ich eine Benjeshecke.

Kartoffelauf-Lauf

Die Süßkartoffel zieht Wurzeln. Ich habe sie auf das warme Fensterbrett gestellt damit sie Licht hat, nicht damit sie sieht, wo sie wachsen soll – aber vielleicht hilft das ja auch.

wp-1581744233546.jpg

Ich habe noch nie eine gepflanzt, aber spontan beschlossen, es in diesem Jahr zu probieren. Es gehört zu den Dingen, die ich im Leben nicht versäumen möchte. Weil Süßkartoffeln lecker und gesund sind und ich sie sehr gerne esse. Aber auch, weil ihre Blüten so schön sein sollen und ich das sehen will. Weil die Insekten die  dann vielleicht auch mögen. Und weil ich es höchst faszinierend und sehr ermutigend finde, dass aus so einer unscheinbaren Knolle eine so wundersame Pflanze kommt.

Vielleicht wird dann aus meiner unscheinbaren Idee auch ein schöner Roman. Zum Beispiel. Oder eine ganz andere kleine, braune, schrumplige Idee aus dem Vorjahr zieht Wurzeln und findet den Platz, an dem sie gedeihen kann.

Wer weiß das schon? Auf den Versuch kommt es an. Es ist nicht schlimm, wenn ich im Herbst keine Süßkartoffeln ernten kann. Aber die Wurzeln sind gekommen! Zart und hell und neugierig. Ich sehe, dass etwas wächst, wenn man ihm die Chance gibt. Wie weit es dann seinen Weg findet, wird sich zeigen. Manchmal genügt es bekanntlich schon, einfach anzufangen.