Spot an

Es überrascht mich jedes Jahr wieder, was mir zeigt, wie schnell man es vergißt. Wenn die Sonne ganz tief steht, und auch davor und danach, wenn sie ganz langsam an wp-1577883665462.jpgHöhe verliert und dann wieder gewinnt, dann zaubert sie aus dem Hut, was gerade zur hellsten Jahresteit im Schatten lag. Auf einmal findet ein Lichtstrahl einen Weg unter ein Dach oder einen Baum und entdeckt eine Deko, die den ganzen Sommer unsichtbar an der Wand in einem Winkel hing. Und mit ihr einen lieben Gedanken oder eine Erinnerung, fast vergessen. Oder eine späte Blüte, vorher nie beachtet. Einen frühen Schmetterling, der gerade erwacht. Auf einmal glänzt etwas hell und unübersehbar an Stellen, die man immer wieder aus dem Blick verliert.

Die kurzen Tage sind gut zum Ausruhen, für Mensch und Natur. Aber sie eröffnen nebenbei ganz andere Räume. Sie fordern auch zum Hinsehen auf, zum Aufschließen, zum Begreifen.

Die dunkle Jahreszeit ist gar nicht dunkel. Sie wirft nur andere Schlaglichter.

Aufbauend

Backsteine sind etwas Großartiges. Diese stammen zum Teil mindestens von 1904, aus dem Garten meiner Kindheit, und haben nun den Weg in Lucys wp-1581182053241.jpgGarten gefunden. Ich werde damit ein Beet einfassen. Oder eine Bank bauen oder eine Treppe. Eine Stützmauer oder eine Trockenmauer. Einen Brunnen, einen Weg, eine Säule oder eine Halterung für eine Kübelpflanze.  Ich habe viele Sorten Backsteine und andere Steine, aber niemals genug. Immer wieder gestalte ich damit etwas im Garten um. Die Möglichkeiten sind unendlich. Ich habe früher schon gerne mit Bauklötzen gespielt. Damals waren es Burgen und Schlösser, die ich entwarf.  Da wusste ich noch nicht, dass ein Garten, egal wie klein, viel wunderbarer ist als ein Schloß, und auf jeden Fall reicher macht. Im Garten bin ich immer fünf Jahre alt und Prinzessin, mit schmutzigen Knien, Strohhut und Gärtnerschürze – und in meinem blumigen Reich ist jedes Gänseblümchen immer noch märchenhaft.

Und es macht riesigen Spaß, dort mit den steinernen Bauklötzen herumzuprobieren. Es kommt immer eine Überraschung dabei heraus.

Dickes Hühnchen

Früher mochte ich die von den Kindern gern auch als Dickes Hühnchen bezeichnete Fette Henne nicht besonders. Das hat sich gründlich geändert. Ja, sie kommt ein wenig stoisch daher und hat so gar nichts poetisch Filigranes – es sei denn, man betrachtet die wp-1581182021109.jpgBlüten mal genauer. Aber sie hat jede Menge gute Eigenschaften, und das macht sie unwiderstehlich. Vielleicht musste ich ein gewisses fortgeschrittenes Alter erreichen, um sie richtig zu würdigen.  Jetzt im Frühling ist sie eine der Ersten, die ungerührt von Grau und Kälte jenes zugewandte Wachsen in Angriff nimmt, das sich nun gehört. Zweifel kommen bei ihr gar nicht erst auf. Der Sturm ficht sie nicht an, ich glaube, sie bemerkt ihn gar nicht. Voller Optimismus zieht sie grüne Kreise. Was getan werden muss, vollzieht sie, und noch etwas mehr. Sie macht Mut. Sie ist bescheiden. Wenn man sie nicht gießt, ist es ihr schnuppe. Und auch, wie man sie nennt. Sie bleibt sie selbst. Man kann sich in vielerlei Hinsicht ein Beispiel an ihr nehmen.20190904_163229.jpg

Es gibt sie inzwischen in allen Farben des Spätsommers und Herbstes, und diese Farben glühen auch noch unbeirrt, wenn vieles andere schon aufgegeben hat. Und alles was summt und brummt liebt ihre Blüten. Ich jetzt auch. Sie darf sich in Lucys Garten gern ausbreiten. Auch wenn ich dann manchmal drumherumlaufen muss, um das ganz schön dicke Hühnchen.

Uromafrühling

Wenn es draußen zu ungemütlich ist, dann passt der Frühling auch mal in Urgroßoma Margaretes Waschschüssel im Wintergarten. Auch so ein winzigkleiner Frühling reicht,

wp-1581182176600.jpg

um glücklich zu machen, weil auch er eine ganz große Gegenwart ist.

Und da er die Seele erfrischt, ist eine Waschschüssel eigentlich ein recht passender Platz.

Urgroßoma Margarete hat sich einst ganz bestimmt an genau den gleichen Blumen erfreut. So ist Frühling eine lebendige Brücke zu allen Vorfahren, die jemals  eine Narzisse gesehen haben. Sicher auch oft mit dem Gefühl, dass nun erstmal alles leichter wird, egal wie schwer es gerade ist.

Mehr Sein als Schein

Ich habe den Sommerflieder gründlich heruntergeschnitten, wie sich das im Februar gehört. So etwas kostet immer ein bisschen Überwindung. Es fühlt sich so brutal an. Aber es muss sein. Und dann stehe ich ehrfurchtsvoll davor und denke, was für ein unvorstellbares Wunder wp-1581182205338.jpges jedes Jahr wieder ist – dass aus diesen kahlen Ästen, in denen man kaum noch Leben vermuten würde, bald so viel Grün unaufhaltsam zum Himmel strebt. Dass in wenigen Monaten ein riesiger, duftender Blütenstrauß hier stehen wird, in dem sich Bienen und Falter drängen.

Es zeigt mal wieder, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte, schon gar nicht aufgrund von äußeren Eindrücken.

Und ja, ein bißchen Feinschliff braucht der Schnitt noch. Aber dafür war es zu windig heute.

Blättern anders

Worte sind nicht das Einzige, was zwischen Buchseiten Platz hat. In jedem gelesenen Buch stecken auch Erinnerungen. An den Freund, der es einem geschenkt hat. An den Ort, an dem man es gekauft oder gelesen hat. An die Stimmung, die man dabei hatte, davor und danach. Aber manchmal sind es auch sichtbare Erinnerungen. Briefe vom Garten, die man dem Buch anvertraut hat, nicht seiner Worte sondern seiner Schwere wegen.

wp-1577974454759.jpg

Diese dicken Wörterbücher benutze ich nicht mehr zum Nachschlagen. Das geht schneller online. Aber ich kann mich nicht davon trennen. Sie dienen auch anderen Zwecken.  Wenn ich jetzt darin blättere, spazieren die Blütenblätter wie Fußabdrücke verschiedener Sommer über die Seiten, quer durch alle Begriffe, und verleihen ihnen ein bißchen Farbe und Übermut und ein Lächeln. Etwas Besseres kann Wörterbüchern im Ruhestand eigentlich nicht passieren.

wp-1577974395577.jpg

Bei uns piept es

Heute bin ich zum ersten Mal in diesem Frühling von Vogelgesang aufgewacht. Ich glaube, es war das Rotkehlchen, vielleicht auch eine Amsel, begleitet von einer wp-1580659379747.jpgmunteren Hintergrundboyband aus Spatzen.

Die Amsel hat auch schon an Weihnachten gesungen, mitten in der Nacht. Das ist so hier in der Stadt, in der es niemals mehr dunkel wird.

Doch heute war es anders. Dieses Lied handelte vom Frühling. Von Beginn und Neubeginn. Von neuem Mut, neuem Licht und neuen Tagen. Von uraltem Vertrauen, dass es so kommt, wieder und wieder. Wenn wir mitmachen. Wenn wir singen. Oder einfach nur, falls man nicht singen kann, einen Moment länger im Bett liegen bleibt, verzaubert lauscht und mit den Tönen vor Freude innerlich in den graugoldrosarotfeuchtsilbermorgendämmrigen Himmel schwebt.  Weil man unfassbar glücklich ist in einer Welt leben zu dürfen, in der Vögel singen.