Uromafrühling

Wenn es draußen zu ungemütlich ist, dann passt der Frühling auch mal in Urgroßoma Margaretes Waschschüssel im Wintergarten. Auch so ein winzigkleiner Frühling reicht,

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um glücklich zu machen, weil auch er eine ganz große Gegenwart ist.

Und da er die Seele erfrischt, ist eine Waschschüssel eigentlich ein recht passender Platz.

Urgroßoma Margarete hat sich einst ganz bestimmt an genau den gleichen Blumen erfreut. So ist Frühling eine lebendige Brücke zu allen Vorfahren, die jemals  eine Narzisse gesehen haben. Sicher auch oft mit dem Gefühl, dass nun erstmal alles leichter wird, egal wie schwer es gerade ist.

Mehr Sein als Schein

Ich habe den Sommerflieder gründlich heruntergeschnitten, wie sich das im Februar gehört. So etwas kostet immer ein bisschen Überwindung. Es fühlt sich so brutal an. Aber es muss sein. Und dann stehe ich ehrfurchtsvoll davor und denke, was für ein unvorstellbares Wunder wp-1581182205338.jpges jedes Jahr wieder ist – dass aus diesen kahlen Ästen, in denen man kaum noch Leben vermuten würde, bald so viel Grün unaufhaltsam zum Himmel strebt. Dass in wenigen Monaten ein riesiger, duftender Blütenstrauß hier stehen wird, in dem sich Bienen und Falter drängen.

Es zeigt mal wieder, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte, schon gar nicht aufgrund von äußeren Eindrücken.

Und ja, ein bißchen Feinschliff braucht der Schnitt noch. Aber dafür war es zu windig heute.

Zitronerie

Als ich ein Kind war gab es in manchen Schlössern, die wir besichtigten, und auch in einigen Büchern „Orangerien“. Das klang geheimnisvoll. So exotisch und grandios, nach Marmorbrunnen und Kolibris. Ein Wort mit einem Duft und einem Traum und einem Abenteuer darin. Ich dachte, es müsste schön sein, eine Orangerie zu besitzen.

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Heute habe ich einen mit Geräten vollgestopften Gartenschuppen mit einem Plexiglasdach und einem Frostwächter. Orangen gedeihen aus unerfindlichen Gründen nicht besonders gut bei mir, aber umso mehr die Zitronen. Im Sommer draußen, im Winter zwischen Hacken, Stuhlkissen, Düngerpackungen und Gartenschläuchen. Wenn ich bei Schnee und Frost Zitronensaft möchte, gehe ich pflücken und erfreue mich an dem Duft. Mein Traum ist damit durchaus in Erfüllung gegangen, völlig grandios genug auch ohne Marmorbrunnen und Kolibris. Abenteuer suche ich nicht mehr, mein Garten ist immer eines. Und manchmal wird eine Orangerie eben eine Zitronerie. Das ist gut so.

Flugsterne

Wir neigen dazu, mit großer Ungeduld auf den Frühling zu warten. Doch heute begegnete mir auf einem Spaziergang eine leuchtende Wolke aus Federsternen. Samen, weich geborgen und in aller Ruhe wartend, bis die richtige Zeit gekommen ist. Bis ein warmer Wind wp-1579603969037.jpgsie an ihrem silbrigen Plüsch fortsegeln läßt an einen Ort, an dem sie gedeihen können. Und ich dachte mir: Genauso müssten wir es auch machen. Die Schönheit auskosten, die gerade das Wahre ist. Die Zeit der Ruhe genießen als das Geschenk, das sie ist und sein soll.  Darauf vertrauen, dass die Leichtigkeit und der Aufbruch genau dann kommen, wenn es an der Zeit ist.  Bis dahin ist es mehr als genug, den Glanz zu schauen.

 

Der bunte Anfang

wp-1579535094058.jpgEtwas am Blumenpflücken macht den Tag leicht, vor allem wenn es mitten im Winter ist. Es ist ein bißchen wie Barfußgehen im Kopf, wie bei Morgentau im taunassen Gras herumhüpfen oder im Regen lachen – es ist eines von den ganz einfachen Dingen, die unkompliziert glücklich machen. Und noch mehr, wenn sie auch noch zu einem unerwarteten Zeitpunkt kommen.

Der erste Blumenstrauß im Jahr trägt den ganzen Frühling und Sommer in sich. Er ist das Samenkorn, in dem die gesamte Freude am kommenden Wachsen gründet. Darum darf er auch ganz klein sein.

Er ist ein auch bißchen wie ein Brief vom Garten, eine Nachricht, dass dieser nun erwacht, in aller angemessenen Ruhe.

Ich pflücke nur die Blüten, die der Wind oder die Amsel geknickt hat oder die irgendwo unter schweren Zweigen erdrückt werden.

Der Rest bleibt unter dem Himmel, unter den er gehört. Sie sollen ja auch all den anderen Keimlingen Mut machen die sich, noch unsichtbar, unter der Erde hocharbeiten. Die in der Vase aber, die schenken ihn mir – den Mut.

In dunkler Tiefe

Unter der Stadt, wo die U-Bahn quietschend Menschenströme in ihren Tag und zurück trägt, da wächst nichts. Das Licht ist künstlich und kennt keine Zeiten. Nur an der Kleidung der Mitfahrer merkst du, ob Winter ist oder Sommer.  Du musst da durch und sehnst dich doch die ganze Zeit nach etwas anderem, nach Oben, nach Luft, nach Himmel, nach Grün, nach einem einzigen Blatt wenigstens.

wp-1578315199408.jpgUnd dann merkst, du, dass selbst hier jemand ein bißchen Garten untergebracht hat. Dass Stadtplaner, Architekten, Fliesenleger bei aller Arbeit und Sachlichkeit doch daran gedacht haben, was den Mensch ausmacht. Was er in der Tiefe braucht, um zu atmen und zu träumen. Sie haben selbst hier im ansonsten gnadenlosen Bauch der Stadt ein bißchen Garten geschaffen, manchmal sogar einen ganzen Wald. Jedenfalls die Erzählung davon, die Erinnerung, die Hoffnung. Manchmal genügt das, um die Seele durch den Tag zu bewegen, so wie es die Bahn mit dem Körper tut.

Dann weißt du, dass wir alle einen Garten in uns tragen, auch wenn er manchmal nur im Dunkeln liegt. Dann ahnst du, dass alle diese unterschiedlichen Menschen aus den vielen Ländern mit den vielen Sprachen die hier gemeinsam Bahn fahren und das manchmal schwierig finden, doch etwas gemeinsam haben, etwas Uraltes, Großes, Einfaches. Etwas ohne Worte.

Etwas Grünes, Zuversichtliches.

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Der Anfang

Nichts im Garten ist so groß wie das erste kleine Schneeglöckchen. Weil es der Held ist, der sich zuerst ins Licht kämpft. Weil ihm nicht einmal der Frost etwas anhaben kann. Es lässt sich nicht aufhalten und nicht beugen. Es ist bescheiden und gerade in seiner Schlichtheit unglaublich schön. Es kommt ohne Farbe aus. Es sagt einfach nur: Da bin ich.

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Das Schneeglöckchen ist der allererste leise Ton im stillen, erwartungsvollen Saal, die erste Note des Orchsters, das bald den Frühling anspielt. Die erste zuversichtliche Stimme in einem Chor aus Farbe, Form und Energie.

In Lucys Garten sind heute die ersten beiden aufgeblüht.

Ja, es dauert noch. Das Schneeglöckchen wird noch eine Weile allein die Fahne hochhalten bis die Winterlinge sich zeigen und die Hasel zu blühen beginnt. Aber es zeigt uns, dass unsere Geduld nicht überstrapaziert wird.

Denn der Anfang ist gemacht.

Ich freue mich so.

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