Vergessichnicht

wp-1586968281577.jpgDas wie vom Himmel gefallene Blau der Vergissmeinnicht gehört zu den ersten Wundern, an die ich mich aus meiner Kindheit im Garten erinnern kann. Es zeigte mir, dass der Himmel erreichbar und manchmal ganz erdnahe ist. Obendrein hatte jede winzige Blüte einen freundlichen gelben, beinahe goldenen Kern. Sie waren so winzig, dass man sehr genau hinsehen musste, um ihn zu sehen. So lernte ich, nach dem Kleinen, Inneren zu suchen.

Ein Garten ohne Vergissmeinnicht ist für mich unvorstellbar. Zum Glück säen sie sich selbst aus. Sie sind so bescheiden, dass man sich noch nicht einmal um sie kümmern muss. Sie suchen sich ihren Platz selbst, man muss sie nur gewähren lassen.

Und wenn sie sich öffnen und mich morgens anlächeln, dann weiß ich, es ist Frühling und alles ist Himmelblau und möglich, wenn man das Helle in der Mitte nicht übersieht.

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Wenn Sterne niesen

Im Frühjahr finden sich manchmal an merkwürdigen Stellen mitten in der Landschaft oder an Bäumen glitzernde geleeartige Klumpen. Weil sie wirken wie vom Himmel gefallen und man nicht wusste, woher sie kommen, nannte man sie „Sternenrotz.“ Vielleicht in der Annahme, dass etwas vom allergenen Blütenpollen mit der Wärme viel höher steigt als wir ahnen.

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Inzwischen weiß man, dass diese geheimnisvolle Masse entsteht, wenn Greifvögel laichreife Frösche erbeuten.

Aber heute im Garten blieb ich lieber bei der Vorstellung, man könnte in einer stillen Frühlingsnacht aufmerksam lauschen und schließlich ganz leise hören, wie sich irgendwo da oben in der Dämmerung ein Stern ins Universum schnäuzt.

 

Kartoffelauf-Lauf

Die Süßkartoffel zieht Wurzeln. Ich habe sie auf das warme Fensterbrett gestellt damit sie Licht hat, nicht damit sie sieht, wo sie wachsen soll – aber vielleicht hilft das ja auch.

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Ich habe noch nie eine gepflanzt, aber spontan beschlossen, es in diesem Jahr zu probieren. Es gehört zu den Dingen, die ich im Leben nicht versäumen möchte. Weil Süßkartoffeln lecker und gesund sind und ich sie sehr gerne esse. Aber auch, weil ihre Blüten so schön sein sollen und ich das sehen will. Weil die Insekten die  dann vielleicht auch mögen. Und weil ich es höchst faszinierend und sehr ermutigend finde, dass aus so einer unscheinbaren Knolle eine so wundersame Pflanze kommt.

Vielleicht wird dann aus meiner unscheinbaren Idee auch ein schöner Roman. Zum Beispiel. Oder eine ganz andere kleine, braune, schrumplige Idee aus dem Vorjahr zieht Wurzeln und findet den Platz, an dem sie gedeihen kann.

Wer weiß das schon? Auf den Versuch kommt es an. Es ist nicht schlimm, wenn ich im Herbst keine Süßkartoffeln ernten kann. Aber die Wurzeln sind gekommen! Zart und hell und neugierig. Ich sehe, dass etwas wächst, wenn man ihm die Chance gibt. Wie weit es dann seinen Weg findet, wird sich zeigen. Manchmal genügt es bekanntlich schon, einfach anzufangen.

An-Blick

Es gibt unzählige Iris-Sorten, deren Namen ich mir nie merken kann. Auch von den Zwerg-Iris geistern diverse durch den Garten. Sie blühen häufig schon im Februar, und jedes Mal stehe ich verblüfft davor. Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse passen iwp-1581783442841.jpgn diese Jahreszeit, aber die beinahe unverschämt extravagante, knallbunte Blüte der Iris eben noch nicht. Für einen Moment frage ich mich unwillkürlich: Gehört sich das denn? So vorzupreschen? Die Euphorie des Sommers dermaßen vorwegzunehmen, ehe ähnliche Blumen nach dem Winter überhaupt das erste Mal gegähnt haben? Und ich mit der Gartenarbeit auch nur ernsthaft begonnen habe?

Sie stammt eigentlich aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht liegt es daran. Aber sie akzeptiert unsere Winter einfach. Auch die richtigen, die mit Schnee. Sie nimmt widerspruchslos die Bedingungen an, die sie vorfindet und macht nicht nur das Beste daraus, sondern noch eine ganze Menge mehr. Punkte hier, Striche dort, Knallgelb auf alle Blau- und Violettschattierungen geknallt, das Röckchen elegant gehoben, perfekte Körperspannung. Völlig ohne Wecker, Kaffee und Aufschieberitis steht sie am frostigen Morgen aufrecht im Wind unter Wolken. Restlos bereit für den zerbrechlichen Tanz, der Leben heißt.

Ich sehe sie immer erst, wenn sich die Blüten geöffnet haben, so wenig Aufhebens macht sie um sich. Und wenn sie mich dann so unversehens ansieht, gänzlich ausgeschlafen, und mir diese Farben auffordernd zu Füßen legt, dann ist es wie der erste Augenaufschlag des Frühlings.

Wie soll man da nicht verlieben? Jedes Jahr neu. In diesen Blick. In den Neubeginn. In das Sein.

Gänslich glücklich

0017c.jpgMit Gänseblümchen fängt alles an. Die Kindheit. Der Frühling. Das einfache Glück. Und auch das fortgeschrittene.

Es gibt kaum ein freundlicheres, optimistischeres, bescheideneres Pflänzchen. Es verlangt wp-1581181884015.jpgnur, dass man gelegentlich mäht – oder beweiden lässt – denn im hohen Gras kann es sich nicht behaupten. Es braucht Licht und Luft und Freiheit, wie wir alle. Dafür verzeiht es gern, wenn man mit dem Kaffetablett darüberläuft. Oder darauf Federball spielt.

Das Gänseblümchen ist die perfekte Blüte. Mitte, Blütenblätter, fertig. Kein Gedöns. Kein Schnickschnack. Kein Chic, keine Rüschen, keine Farben, kein Luxus. Es ist einfach es selbst. Die Blume schlechthin. Es genügt, genau so zu sein. Mancher von uns braucht ein Leben lang, um das zu lernen. Mache wagen es nie. Und andere wieder kennen es gar nicht anders.

Das Gänseblümchen ist auch eine Lebensentscheidung. Darf es in meinem Garten wachsen? Rücke ich ihm sofort mit einem Messer oder Chemie zu Leibe? Oder heiße ich es willkommen, betrachte es mit Glück und Kameradschaft und laufe barfuss in seinem Reich? Lege ich mich an einem Sommernachmittag zu ihm, genieße sein Lächeln auf Augehöhe und weiß, dass dies genau das ist, worum es im Leben geht?

Ein Gänseblümchen ist schlichte Wahrheit. Des Pudels, oder vielmehr des Glückes Kern. Jedenfalls das perfekte Bild dafür. Finde ich.

Ich liebe all die vielen verschiedenen Blumen in meinem Garten. Die wilden, die versehentlichen, die zufälligen, die zuviel gepflanzten und die mühsam gezogenen. Aber wenn ich nur ein kleines Stückchen Gras mit Gänseblümchen hätte, dann wäre es auch genug.

 

Spot an

Es überrascht mich jedes Jahr wieder, was mir zeigt, wie schnell man es vergißt. Wenn die Sonne ganz tief steht, und auch davor und danach, wenn sie ganz langsam an wp-1577883665462.jpgHöhe verliert und dann wieder gewinnt, dann zaubert sie aus dem Hut, was gerade zur hellsten Jahresteit im Schatten lag. Auf einmal findet ein Lichtstrahl einen Weg unter ein Dach oder einen Baum und entdeckt eine Deko, die den ganzen Sommer unsichtbar an der Wand in einem Winkel hing. Und mit ihr einen lieben Gedanken oder eine Erinnerung, fast vergessen. Oder eine späte Blüte, vorher nie beachtet. Einen frühen Schmetterling, der gerade erwacht. Auf einmal glänzt etwas hell und unübersehbar an Stellen, die man immer wieder aus dem Blick verliert.

Die kurzen Tage sind gut zum Ausruhen, für Mensch und Natur. Aber sie eröffnen nebenbei ganz andere Räume. Sie fordern auch zum Hinsehen auf, zum Aufschließen, zum Begreifen.

Die dunkle Jahreszeit ist gar nicht dunkel. Sie wirft nur andere Schlaglichter.

Uromafrühling

Wenn es draußen zu ungemütlich ist, dann passt der Frühling auch mal in Urgroßoma Margaretes Waschschüssel im Wintergarten. Auch so ein winzigkleiner Frühling reicht,

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um glücklich zu machen, weil auch er eine ganz große Gegenwart ist.

Und da er die Seele erfrischt, ist eine Waschschüssel eigentlich ein recht passender Platz.

Urgroßoma Margarete hat sich einst ganz bestimmt an genau den gleichen Blumen erfreut. So ist Frühling eine lebendige Brücke zu allen Vorfahren, die jemals  eine Narzisse gesehen haben. Sicher auch oft mit dem Gefühl, dass nun erstmal alles leichter wird, egal wie schwer es gerade ist.

Mehr Sein als Schein

Ich habe den Sommerflieder gründlich heruntergeschnitten, wie sich das im Februar gehört. So etwas kostet immer ein bisschen Überwindung. Es fühlt sich so brutal an. Aber es muss sein. Und dann stehe ich ehrfurchtsvoll davor und denke, was für ein unvorstellbares Wunder wp-1581182205338.jpges jedes Jahr wieder ist – dass aus diesen kahlen Ästen, in denen man kaum noch Leben vermuten würde, bald so viel Grün unaufhaltsam zum Himmel strebt. Dass in wenigen Monaten ein riesiger, duftender Blütenstrauß hier stehen wird, in dem sich Bienen und Falter drängen.

Es zeigt mal wieder, dass man nichts und niemanden unterschätzen sollte, schon gar nicht aufgrund von äußeren Eindrücken.

Und ja, ein bißchen Feinschliff braucht der Schnitt noch. Aber dafür war es zu windig heute.

Blättern anders

Worte sind nicht das Einzige, was zwischen Buchseiten Platz hat. In jedem gelesenen Buch stecken auch Erinnerungen. An den Freund, der es einem geschenkt hat. An den Ort, an dem man es gekauft oder gelesen hat. An die Stimmung, die man dabei hatte, davor und danach. Aber manchmal sind es auch sichtbare Erinnerungen. Briefe vom Garten, die man dem Buch anvertraut hat, nicht seiner Worte sondern seiner Schwere wegen.

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Diese dicken Wörterbücher benutze ich nicht mehr zum Nachschlagen. Das geht schneller online. Aber ich kann mich nicht davon trennen. Sie dienen auch anderen Zwecken.  Wenn ich jetzt darin blättere, spazieren die Blütenblätter wie Fußabdrücke verschiedener Sommer über die Seiten, quer durch alle Begriffe, und verleihen ihnen ein bißchen Farbe und Übermut und ein Lächeln. Etwas Besseres kann Wörterbüchern im Ruhestand eigentlich nicht passieren.

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Bei uns piept es

Heute bin ich zum ersten Mal in diesem Frühling von Vogelgesang aufgewacht. Ich glaube, es war das Rotkehlchen, vielleicht auch eine Amsel, begleitet von einer wp-1580659379747.jpgmunteren Hintergrundboyband aus Spatzen.

Die Amsel hat auch schon an Weihnachten gesungen, mitten in der Nacht. Das ist so hier in der Stadt, in der es niemals mehr dunkel wird.

Doch heute war es anders. Dieses Lied handelte vom Frühling. Von Beginn und Neubeginn. Von neuem Mut, neuem Licht und neuen Tagen. Von uraltem Vertrauen, dass es so kommt, wieder und wieder. Wenn wir mitmachen. Wenn wir singen. Oder einfach nur, falls man nicht singen kann, einen Moment länger im Bett liegen bleibt, verzaubert lauscht und mit den Tönen vor Freude innerlich in den graugoldrosarotfeuchtsilbermorgendämmrigen Himmel schwebt.  Weil man unfassbar glücklich ist in einer Welt leben zu dürfen, in der Vögel singen.