Späte Träume oder: Der geheime Garten 2.0

Der Kinderbuchklassiker „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett war eines meiner ersten Lieblingsbücher, wenn nicht das Lieblingsbuch überhaupt. In diesem Buch findet die kleine Heldin einen vergessenen, verlassenen Garten, der von einer Mauer umgeben ist. Ich träumte damals prompt davon, auch einen solchen für mich zu haben. Ummauerte Gärten, ein „walled garden“ sind in England Tradition: ein kleineres Stück Garten, ummauert und darum windgeschützt. Es gab Bücher mit Bildern solcher Gärten, die ich mir gern ansah und in Gedanken bepflanzte. Mit Weinstöcken zuallererst, nicht wegen der Trauben, sondern weil ich die Atmosphäre mochte, die sie schufen, und ihr Aussehen, wie sie knorrig die Mauern eroberten.

Meine Eltern hatten außerdem ein Faible für alte Burgen, Schlösser und Kloster, so dass wir in den Ferien viele davon besichtigten. Jedes Mal hatten die Klostergärten und Innenhöfe innerhalb von Mauern einen besonderen Reiz für mich. Etwas daran sprach etwas in mir an und ließ mich nicht los, ohne dass ich je wusste, warum eigentlich. Doch für manche Träume gibt es nicht nur keinen ersichtlichen Grund sondern auch einfach keine Gelegenheit, sie umzusetzen.

Ich liebe meinen Garten so, wie er ist. Er ist nicht groß, aber er wirkt ziemlich offen, mit einer lockeren Hecke auf einer und relativ durchlässigen Zäunen auf den anderen Seiten. Der Wind macht darin, was er will, und das soll er auch sehr gern, denn ich bin sehr mit ihm befreundet. Und er muss mir auch noch Geschichten erzählen, die ich schreiben möchte.

Doch dann war ich auf Recherche im Oderbruch. Dort gab es einen alten Hof, dessen geschützte, sonnenwarme Backsteinwände von alten Weinstöcken überwuchert waren. Meine alte Sehnsucht fiel mir ein und die Tatsache, dass es vorn auf meinem Grundstück noch einen Raum abseits vom Haus gibt, etwas breiter als eine Garage. Das Dach war undicht, schon immer. Es widerstand allen Reparaturversuchen. Und da hier einst jemand alles Unbrauchbare aufhob, war dieser Raum bis zum Dach voll vergammelnden Gerümpels, Sedimente von Jahrzehnten. Es lag mir schon lange auf der Seele, mich darum zu kümmern.

In diesem Jahr nun war die Zeit gekommen. Zeit für einen neuen, alten Traum, der aus irgendeinem Grunde nie seinen Reiz verloren hatte. Ich fand einen netten Betrieb, der mitten im eisigen Februar alles abfuhr, mitsamt der Belastung und schlechten Erinnerungen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig und befreiend es ist, die Vergangenheit äußerlich wie innerlich aufzuräumen und Ballast abzuwerfen. Da für mich der Baumarkt pandemiebedingt unzugänglich war, besorgte Herr J. mittels seines Gewerbescheins den Farbton, um den ich ihn bat, strich die Wände und riss danach das Dach ab. Bis auf die Streben, denn daran sollen, wie bei einem Laubengang, Pflanzen ranken, so dass ihr lebendiger Schatten einmal Bilder auf den Boden malen kann.

Der Boden besteht aus Beton mit einem Gulli, über den das Wasser abfließt. Einfach Rasen säen und Beete anlegen ging also nicht. Ich entschloß mich, einen Holzfußboden mit Drainage darunter zu verlegen und dann geeignete Weinstöcke, Rosen, Zwergobstbäume und Kiwis in große Kübel zu pflanzen. Die Pflanzen sind nun das Einzige, was noch fehlt. Doch da dies ein Blog über Werden, Wachsen und Gestalten ist, möchte ich euch schon einmal teilhaben lassen und dann später berichten, ob etwas wächst, und was, und wie. Jetzt schon hat aber dieser kleine geschützte Rückzugsort einen besonderen Zauber für mich, auch wenn er dicht an der Straße liegt. Vielleicht werde ich dort schreiben. Vielleicht nur Träumen oder mit lieben Freunden Tee trinken. Man kann die Sterne und den Mond von dort sehen, die rosa Morgen- und die rötlichen Abendwolken.

Gute Fotos machen kann man dort in dem engen Bereich nur mit einem guten Weitwinkel. Ich weiß auch schon, wer das kann – dann, wenn der Traum gewachsen und die Pflanzen sich eingefunden haben.

Bis dahin nur ein Eindruck davon, dass manche kleinen, scheinbar unwichtigen Träume sich irgendwie durch Jahrzehnte retten können, bis ihre Zeit gekommen ist.

11 Kommentare zu „Späte Träume oder: Der geheime Garten 2.0

  1. Träume darf man niemals aufgeben!
    Letztes Jahr als der Lockdown anfing hatte ich mich intensiv um meinen Garten gekümmert.
    Dann starb meine Mutter im Mai und der Garten vertrocknete.
    Jetzt habe ich dein Buch „Die Träume der Bienen“ durchgelesen und war Feuer und Flamme!
    Beete hergerichtet, Saatgut Blumenbukett bestellt und eingesät.
    Nun bin ich gespannt, ob es dieses Jahr in meinem Garten blüht!

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      1. Ja… das kann ich soooo gut verstehen!
        „Der geheime Garten“…. wie ein Samenkorn fiel dieses schöne Buch einst in meine kindliche Seele und die Garten- und Pflanzenleidenschaft ließ mich nie wieder los.
        Wohnen ohne Garten geht gar nicht!
        Das Ergebnis der Umbaumaßnahmen läßt wunderbares erahnen.
        Mit viel Glück wird auch für mich in diesem Jahr ein laaange gehegter Traum Realität.
        Das kleine Stück Brachgelände zwischen dem Haus auf dem Deich und der Graft ist vom Konto endlich zur Erschließung frei gegeben 😉
        Und damit wird mein alter Traum von einem Mondscheingarten hoffentlich endlich Wirklichkeit.
        Leider ist der Roman „Der Mondscheingarten“ und somit die Namen der Pflanzen unauffindbar.
        Aber… ich denke im Zeitalter von Google ist auch das kein großes Problem mehr 😄
        Freue mich auf neue Fotos, wenn die Pflanzen eingezogen sind!

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  2. Liebe Lucy,
    Ich muss dir hier mal sagen, dass du, mir deiner positiven Energie und der Sicht auf die kleinen Dinge des Lebens mein Leben stark beeinflusst hast. Du hast mir in gewisser Weise neues Leben gegeben. Neue Freude an allem was wächst und gedeiht,was fliegt und summt und brummt. Ich bin so froh, deine Bücher und deinen Blog gefunden zu haben. Und empfehle dich auch gerne an Freunde.
    Danke für all das.

    Beate

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    1. Liebe Beate, danke für die Rückmeldung, das freut mich sehr, wenn die Geschichten Freude schenken können. Und vielen Dank auch für die Empfehlungen, sowas hilft sehr.
      Herzliche Grüße und einen zauberhaften Frühling
      Patricia

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  3. Liebe Patricia, jetzt möchte ich auch gern mal ein paar liebe Worte zurück schreiben. „Lucys Garten“ ist immer wieder eine Bereicherung in meinem Alltag und ich bewundere deinen Ideenfluss. Damit gibst du sicher vielen Menschen die so wichtigen positiven Momente und hinterlässt ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht. Seit ich deine Geschichten lese, hier oder in deinen wunderschönen Romanen, hat sich mein Blick auf die Natur, das Leben und auch auf meine Träume sehr verändert……zum Positiven. Deine Sensibilität und Feinfühligkeit bedeutet mir unendlich viel und schenkt besonders in dieser Zeit viel Trost und Geborgenheit. Danke, das es dich gibt!

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