Lebensunbändig

wp-1588062440058.jpgSo gern ich in Lucys Garten bin, an so vielen Tagen wie möglich öffne ich gleich morgens das Gartentor und laufe einfach los. Das ist meine Zeit, wenn der Tag neu ist, die Luft nach Tau und Aufbruch riecht und kaum jemand unterwegs ist. Der Weg von heute  ist nur bei großer Trockenheit begehbar. Bisher bin ich immer daran gescheitert. Diesmal, bei zwanzig Grad im April an einem Sommermorgen, der sich in Frühlingsgrün verkleidet hatte, öffnete er sich Schritt für Schritt, zwischen Apfelblüten und Schilf.

Und dann traf ich diesen Baum. Inmitten von Kranich- und Kuckucksrufen, Nachtigallen- und Lerchenkonzert stand er da unter dem weiten Himmel, fing mit gerade entfalteten Blättern die Sonne und spiegelte sich im Fließ. Ich hätte gern meinen Hut vor ihm gezogen, tat es mangels Kopfbedeckung im Geiste und unterhielt mich eine Weile still mti ihm. Er schenkte mir von seiner Ruhe und Genügsamkeit.

 

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Und ich dachte: Ja. So aufrecht und gelassen stehen, so tiefgründig und so grün noch. Mit allen ertragenen Stürmen und aller durchlebten Zeit, zerstörten Wurzeln und zahlreichen anderen Narben und Verletzungen,    selbst mit großen Stellen der Leere und Verlusten im Inneren. Bis zuletzt. Mein Mann hat das gekonnt; ich wünsche mir, dass es mir auch gelingt, ich arbeite immerhin daran. Und wir als Gesellschaft? Gerade jetzt? Ja, wir können es! ich glaube daran, wir haben es schon oft geschafft. Diesmal hoffe ich zutiefst, dass uns der Neustart auch gleich umweltfreundlicher gelingt und wir nicht nur diesem Baum respektvoll und stützend unter die Äste greifen werden.

Noch oft möchte ich einen Moment mit ihm teilen. Ich wünsche uns allen und jenen nach uns, dass die Lerchen  über ihm nicht verstummen. Dass die Meisen in seinen Armen nicht heimatlos werden und die Träume des Wiesenschaumkrauts zu seinen Füßen nicht dem Staub weichen.

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Für den Augenblick aber genügt es, nur zu sein. Das geht immer. Zu spüren, zu hören, zu schauen und so still und erfüllt im Hier und jetzt zu stehen wie der alte Baum, durch den das Licht fällt.

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